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Frei wie der Wildschütz?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am Anfang stand der Hunger, die Jagd auf Wildtiere war für die ersten Menschen, die einzige Möglichkeit zu überleben. Auch später waren Wildschwein, Reh und Hirsch für die Küche unverzichtbar, die Jagd aber wurde zum Privileg und gar zur Kunstform. „Durch die Wälder, durch die Auen, zog ich leichten Sinns dahin“, lies Carl Maria von Weber seinen Freischütz singen. Heute sehen sich die Waidmänner als Bewahrer eines jahrhundertealten Brauchtums und als Naturschützer. Mussten sie sich in der Vergangenheit in erster Linie mit militanten Jagdgegnern, die Hochsitze ansägten und Jagden sabotierten, auseinandersetzen, so droht den Jägern zwischen den Meeren heute eine ganz neue Gefahr: Wilderer.



Mehr Fälle


In den vergangenen Jahren habe die Zahl der bekannt gewordenen Wildereien in Schleswig-Holstein spürbar zugenommen, klagt Marcus Börner vom Landesjagdverband. „Parallel dazu sank die Aufklärungsquote jedoch deutlich.“ Konnte im Jahr 2012 noch fast jeder zweite Fall aufgeklärt werden, war es 2013 nur noch jeder zehnte, sagte der Verbandssprecher. Konkret registrierte die Polizei im Jahr 2012 insgesamt 25 Anzeigen.

Allerdings: Aufgeklärt wurden davon nur zwölf Fälle, bestätigt Stefan Jung vom Landeskriminalamt. Ein Jahr später waren es gar 64 Fälle von Wilderei, die im Land angezeigt wurden – von denen nur noch sechs gelöst wuden. „Die Zunahme der Fälle mit gleichzeitiger Abnahme der Aufklärungsquote von 2012 auf 2013 erklärt sich mit einer – aus unserer Sicht positiv zu wertenden – erhöhten Anzeigenfreude der Jäger und Jagdpächter“, so Jung. Aktuelle Zahlen für dieses Jahr liegen nach seinen Angaben noch nicht vor. Bislang seien jedoch allein 20 Fälle von den drei Dienststellen Bad Segeberg, Börnsen und Schwarzenbek gemeldet worden. „In den Jahren zuvor wurden fast ausschließlich einzelne Anzeigen von unterschiedlichen Dienststellen registriert“, sagte Jung.



Hohe Dunkelziffer


Für die Jäger kein Trost – im Gegenteil: Börner befürchtet, dass die tatsächliche Zahl an Wildereien deutlich höher liegt. Angezeigt werde in der Regel der illegale Abschuss von Rotwild. Zuletzt hatte ein Wilderer vor wenigen Tagen in Bad Schwartau sein Unwesen getrieben. Ein Hausbesitzer hatte dort einen toten Rehbock in seinem Garten entdeckt. Dem Tier war irgendwann in den Tagen zuvor mit einem Kleinkalibergewehr in den Bauch geschossen worden. „Das war kein Jäger, denn kein Waidmann schießt mit einem Kleinkalibergewehr auf ein Reh“, erklärt Börner. „Es war ein Wilderer und letztendlich ein Tierquäler, denn mit solch einer Verletzung kann ein Rehbock noch Tage lang überleben.“

Und die Wilderer rüsten auf: Sie sind schnell und jagen auf verschiedene Arten. Während einige Täter Waffen verwenden, um die Tiere zu erlegen, stellen andere Fallen auf oder legen Schlingen aus. Als besonders spektakulär schildert Börner Ermittlungen der Polizei Anfang 2013 im Hitzhusener Waldgebiet (Kreis Segeberg). „In dem Gebiet wurden 45 Drahtschlingen sichergestellt, in denen sich Wildtiere fangen und qualvoll verenden sollten“, ist Börner empört und fordert, dass Anzeigen energisch verfolgt werden müssen, um weitere Wilderer abzuschrecken: „Denn der Täter denkt ja oft nur an die Tat, nicht an die Folgen.“ Häufig würden Wilderer den Tieren nach einem Schuss nur nachgehen, wenn diese liegen blieben. Die Folge: Schwer verletzte Rehe oder Gänse sterben erst nach einiger Leidenszeit. „Das ist eine abscheuliche Sache“, so Börner. Zudem seien unerwartete Schüsse eine Gefahr für Menschen, die im Wald spazieren gehen oder auf Pilzsuche sind. Auch die direkte Begegnung mit einem Wilderer könne riskant sein und sehr schnell eskalieren.


Hohe Strafen


Wer beim Wildern erwischt wird, kann bis zu drei Jahre ins Gefängnis wandern. „In besonders schweren Fällen drohen sogar bis zu fünf Jahre Haft“, erklärt Börner. Legal sind in Schleswig-Holstein laut Jagdverband knapp 20 000 behördlich geprüfte Jägerinnen und Jäger unterwegs. „Jeder von ihnen hat eine umfangreiche Ausbildung absolviert: Um einen gültigen Jagdschein zu erhalten, sind mehr als 80 Theorie- und Praxisstunden sowie einige weitere Kurse zur Waffenhandhabung nötig“, erläutert Börner. Übrigens: Auch wer Rehe oder andere Tiere anfährt und im Kofferraum mitnimmt, sei rechtlich gesehen ein Wilderer, warnt der Verband.

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erstellt am 21.Sep.2014 | 09:17 Uhr

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