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Hamburg-Harvestehude : Flüchtlinge im Millionärs-Viertel

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ende des Jahres sollen bis zu 220 Flüchtlinge im ehemaligen Kreiswehrersatzamt im feinen Hamburg-Harvestehude unterkommen. Einige Anwohner kritisieren die hohen Kosten von fast 20 Millionen Euro – andere organisieren sich bereits, um den neuen Nachbarn zu helfen.

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2014 | 14:05 Uhr

Die Emotionen kochten hoch in der voll besetzten Aula des Wilhelm-Gymnasiums im feinen Harvestehude. „Das wird ein Horrorhaus“, rief der ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete Markus Wegner in Richtung Podium. „Halt die F...“, brüllten andere zurück.

Der Gründer der längst untergegangenen STATT-Partei war nicht der einzige Bürger, der bei einem Infoabend vehement Front machte gegen das geplante Flüchtlingsheim in einem der teuersten Viertel Hamburgs. Etwa 300 Interessierte waren gekommen, um von Eimsbüttels Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke (SPD) Einzelheiten der Planungen zu erfahren. Nach hitziger Debatte mit teils deftigen Worten blieb gleichwohl der Eindruck: Der Großteil der Anwesenden heißt die Flüchtlinge im „Millionärs-Viertel“ willkommen.

Ab Ende 2014 sollen bis zu 220 Menschen im ehemaligen Kreiswehrersatzamt an der Sophienterrasse/Ecke Mittelweg Unterschlupf finden. In das Gebäude werden bis dahin 23 Wohnungen für Familien eingebaut, hinzu kommen Gemeinschaftsräume und ein großer Spielplatz auf dem Außengelände.

Das Asylheim liegt inmitten des Nobelviertels an der Außenalster. Gleich nebenan entsteht mit dem Sophienpalais eines der teuersten Quartiere Hamburgs: Einige Stadtvillen auf dem Gelände des ehemaligen Generalkommandos der Wehrmacht erhalten ein Innendesign von Modezar Karl Lagerfeld. Die Bauherren dort haben ihren Frieden mit der Flüchtlingsunterkunft gemacht und keine Bedenken angemeldet.

Dass längst nicht alle Bewohner in Harvestehude so denken, machte der Infoabend mehr als deutlich. Freilich: Niemand wagte zu sagen, er wolle keine Flüchtlinge als Nachbarn. Die Kritik zielte vorwiegend auf die in der Tat beachtlichen Kosten von fast 20 Millionen Euro. Rund 14 Millionen Euro hat die Stadt ausgegeben, um das leerstehende Kreiswehrersatzamt vom Bund zu erwerben, weitere fünf Millionen Euro erfordert der Umbau.

„Für das Geld, das Sie hier ausgeben, könnte man woanders 1000 Flüchtlinge unterbringen“, sagte Anwohner und Unternehmer Dirk Kessemeier. „Kein Handwerker könnte sich leisten, hier zu wohnen“, ärgerte sich ein anderer über die vermeintliche Luxusumgebung für die Asylbewerber. Zudem gebe es weit und breit keine günstigen Einkaufsmöglichkeiten für die Heimbewohner. Auch Verleger Markus Wegner fand den Standort unpassend – aus Sicht der Flüchtlinge, versteht sich: „Hier werden Leute hingesetzt, die sich hier gar nicht wohlfühlen können. Für die ist das doch Isolation.“ Sevecke konterte: „Ich will hier keine Reichenbelehrung machen, aber: Andere Stadtteile müssen auch einen Beitrag zur Unterbringung leisten.“ Der Umbaupreis von fünf Millionen Euro sei angemessen. Dafür erhalte der Bezirk eine Unterkunftsmöglichkeit für zehn Jahre oder länger.

Hintergrund des Streits ist die rasante Zunahme der Flüchtlingszahlen in Hamburg. 2013 musste die Stadt etwa 3000 Asylsuchende neu unterbringen, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Der Senat hat die sieben Bezirke daher verdonnert, in kürzester Zeit jeweils mehrere Hundert zusätzliche Heimplätze zu schaffen.

Die meisten Wortmeldungen beim Infoabend befürworteten denn auch die Unterkunft an der Sophienterrasse. „Harvestehude ist ein starker Stadtteil. Wir werden die Integration schaffen“, sagte eine Anwohnerin unter Applaus. Mittlerweile hat sich die Gruppe „Flüchtlingshilfe Harvestehude“ gegründet, die den Flüchtlingen im Alltag aktive Unterstützung leisten will. Initiatorin Hendrikje Blandow-Schlegel: „Es wird Arbeitsgruppen geben für Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung und Deutschunterricht, aber auch eine Fahrrad AG.“ Noch am Abend traten weitere 15 Anwohner der Initiative bei.

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