Flora-Besitzer ist endgültig pleite

Steuern, Banken, Handwerker – Klausmartin Kretschmer kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen / Immobilien stehen vor dem Verkauf

von
03. Juni 2014, 13:57 Uhr

Einst war er ein geheimnisumwitterter Wohltäter der Hamburger Schickeria. Ein selbstloser Kulturinvestor mit gesellschaftlicher Verantwortung, der sich in den Medien angenehm rar machte. 2001 wurde Klausmartin Kretschmer zum Phantom des Guten in der Hansestadt, als er dem Senat dessen größtes Problem abnahm. Der Immobilienkaufmann kaufte die dauerbesetzte „Rote Flora“ und ließ die links-autonomen Bewohner gewähren.

Doch jetzt ist es endgültig vorbei mit Erfolg und Anerkennung für den 55-Jährigen. Kretschmer ist pleite. Das Amtsgericht hat das vorläufige Insolvenzverfahren in ein tatsächliches umgewandelt. Gestern bestätigte das Gericht die Entscheidung, die schon am 22. Mai gefallen war. Kretschmer sei zahlungsunfähig, so eine Sprecherin. Am 19. August soll es eine Gläubigerversammlung geben.

Einige Wochen schon hatte das Vermögen des Kaufmanns unter vorläufiger Zwangsverwaltung gestanden. Den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens hatte das Finanzamt Hamburg-Mitte gestellt, das vom „Flora“-Eigentümer Steuern in nicht genannter Höhe fordert. Zu den Gläubigern sollen zudem Banken, Sparkassen und Handwerker gehören.

Der Insolvenzverwalter prüft nun das vorhandene Vermögen und Möglichkeiten, dieses zu Geld zu machen. Damit steht der Immobilien-Besitz Kretschmers vermutlich vor dem Verkauf. Ihm gehören mehrere stadtbekannte Gebäude, außer der „Roten Flora“ unter anderem die Oberhafenkantine, das repräsentative Schröder-Mausoleum auf dem Ohlsdorfer Friedhof, die Riverkasematten sowie der Brandshof. Die beiden letzteren standen schon früher einmal unter Zwangsverwaltung, die Zwangsversteigerungen waren jedoch gescheitert. Mit Unterstützung seines neuen Partners, des Hamburger Immobilienkaufmanns Gert Baer, hatte sich Kretschmer zunächst aus seinem finanziellen Engpass befreit. Bis jetzt. Auf welche Summe sich seine Verbindlichkeiten belaufen, ist nicht bekannt.

Im Zentrum des Interesses steht die Frage, was die Insolvenz für die Zukunft der „Roten Flora“ bedeutet. Der Noch-Eigentümer und sein Partner wollen das heruntergekommene ehemalige Theater im Schanzenviertel räumen lassen und zu einem kommerziellen Veranstaltungszentrum ausbauen. Die Stadt lehnt dies strikt ab, sie fürchtet gewaltsame Auseinandersetzungen mit den Besetzern und der linken Szene aus ganz Europa.

Die Finanzbehörde hatte Kretschmer Anfang des Jahres auf Rückverkauf des Gebäudes verklagt. Begründung: Mit seiner Voranfrage für einen „Flora“-Umbau habe der Besitzer gegen den Kaufvertrag von 2001 verstoßen. Teilt das Gericht diese Ansicht, stünden dem 55-Jährigen für die Immobilie in bester Lage lediglich 190 000 Euro zu. Gefordert hatte er zuletzt in Verhandlungen mit städtischen Vertretern bis zu zehn Millionen Euro.

Allerdings ist die personelle Konstellation im Insolvenzverfahren in doppelter Hinsicht politisch heikel für den SPD-Senat. Zum einen ist Finanzsenator Peter Tschentscher als wichtigster Widersacher Kretschmers im Verkaufsstreit zugleich oberster Dienstherr des Finanzamtes Mitte, das die Insolvenz beantragt hat. Tschentscher ließ gestern jeden Verdacht zurückweisen, er habe dabei aus dem Hintergrund die Strippen gezogen. Sein Sprecher Daniel Stricker: „Der Senator nimmt grundsätzlich keinen Einfluss auf die steuerlichen Verfahren oder auf die Entscheidungen und das Vorgehen der Finanzämter.“ Unter Hinweis auf das Steuergeheimnis wollte die Behörde keinerlei Einzelheiten der Causa Kretschmer nennen.

Zweitens fungiert ausgerechnet Nils Weiland als Insolvenzverwalter. Der Jurist ist Vize-Chef der Hamburger SPD und als solcher Stellvertreter von Bürgermeister Olaf Scholz. Auch Weiland kann keinerlei Interessenkonflikt erkennen.


zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen