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Finger abgesägt: Urteil nach Plädoyers vertagt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

War es ein Unfall oder hat Ralf Werner D. sich absichtlich zwei Finger mit der Kreissäge abgetrennt, um eine Versicherungssumme von 1,4 Millionen Euro zu erhalten? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Amtsgericht in Norderstedt. Dem Versicherungsfachmann wird vorgeworfen, sich im Februar 2010 absichtlich verstümmelt zu haben. Zu dem Zeitpunkt hatte er vier Unfallversicherungen abgeschlossen, die sich jedoch weigern, die Versicherungssumme zu zahlen. „Die Anschuldigungen sind vollkommen falsch“, wiederholte der Angeklagte auch am gestrigen Verhandlungstag.

Bei Holzarbeiten sei er vor viereinhalb Jahren über einen seiner Hunde gestolpert und in die laufende Kreissäge gefallen. Nach dem Unfall habe er sich die Hand verbunden, die abgeschnittenen Finger in ein Handtuch gewickelt und sei selbst mit dem Auto in die naheliegende Klinik gefahren. „Im Krankenhaus waren die Finger dann nicht mehr da.“ Erst eine Woche später fand seine Ehefrau den abgetrennten Daumen und Zeigefinger beim Schneeschippen vor dem Doppelhaus.

Staatsanwalt Mohr sah dagegen den vierfachen Versicherungsbetrug bestätigt und forderte eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahre, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung. „Aus den Indizien kann man nur den vernünftigen Schluss ziehen, dass es sich um eine Selbstverletzung handelt.“ Er begründete dies mit den Rechtsmediziner vorgetragenen Kriterien zu Selbstverstümmelung. So sei nicht die Gebrauchshand verletzt worden, es gäbe keine Zeugen für den Unfall, zudem seien bei Selbstverletzungen häufig Tiere involviert. Und dass der Verletzte sich selbst ins Krankenhaus fährt und die Amputate dabei verschwinden – „so viele Zufälle auf einmal können nicht sein“, so Mohr im Plädoyer.

Verteidiger Jürgen Meyer hält diese Argumentation für sehr schwach. „Es kommt hier nicht aufs Bauchgefühl an“, sagt er in seinem leidenschaftlichen Plädoyer. Sein Mandant sei mit blutdurchtränktem Oberteil eingeliefert worden. „Mein erster Reflex wäre doch, die blutende Hand so einzuwickeln, um nicht so eine große Sauerei zu machen“, argumentiert Meyer und wickelt seine eigene Hand zur Veranschaulichung in seine schwarze Anwaltsrobe. „Und warum sind die Finger wieder aufgetaucht, wenn mein Mandant die Tat hätte vertuschen wollen?“ Meyer: „Hier sitzt kein Betrüger.“ Für den Fall, dass D. nicht freigesprochen würde, kündigte er an, sieben weitere Beweisanträge zu stellen.

Das Gericht vertagte das Urteil aufgrund der diffizilen Beweislage. Der Prozess wird in einer Woche fortgesetzt.

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erstellt am 23.Okt.2014 | 12:19 Uhr

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