Vom Mord am Behler See : Fallanalytiker in Kiel: Die lange Suche nach den Tätern

Was sind die Hintergründe eines Mordes? Immer wenn die Ermittlungen der Kripo ins Stocken geraten, werden die Fallanalytiker zu Rate gezogen.
Was sind die Hintergründe eines Mordes? Immer wenn die Ermittlungen der Kripo ins Stocken geraten, werden die Fallanalytiker zu Rate gezogen.

Seit 15 Jahren analysieren Fallanalytiker Verbrechen in SH. Zwei ihrer großen Fälle sind der Mord am Behler See und der „Maskenmann“.

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30. Dezember 2014, 10:37 Uhr

Kiel | Sie werden immer dann gerufen, wenn die Aufklärung eines Verbrechens ins Stocken gerät: Die Experten der Abteilung für Operative Fallanalyse im Kieler Landeskriminalamt. Dieses Jahr haben die Beamten Jubiläum gefeiert: Seit 15 Jahren werden in Schleswig-Holstein die Taten von Mördern und Sexualstraftätern analysiert – mit dem Ziel, sie doch noch zu fassen.

Mit zwei Beamten hat die Abteilung 1999 ihren Dienst aufgenommen, mittlerweile gibt es fünf Analytiker. Ist ein Fall festgefahren, sehen sie sich alle Details noch einmal genau an. „Die Kollegen der Kripo wollen von uns wissen, in welche Richtung sie noch ermitteln können“, sagt Jens Vullgraf (49), Leiter der Operativen Fallanalyse.

Jens Vullgraf ist Leiter der Operativen Fallanalyse.
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Jens Vullgraf ist Leiter der Operativen Fallanalyse.

In einem ersten Schritt wird der wahrscheinlichste Tatablauf rekonstruiert. Nur objektive Befunde zählen: Die Spuren am Tatort und das Obduktionsergebnis. „Ein Mordopfer erzählt meist schon sehr viel über den Täter und dessen Motive“, betont Vullgraf. Manchmal zieht sich einer aus dem Team einen weißen Schutzanzug über, auf dem die Kollegen mit rotem Stift die Wunden aufmalen. Kampfsituationen werden nachgestellt, um festzulegen, in welcher Reihenfolge beispielsweise Stiche ausgeführt wurden. „Wir sehen dann beispielsweise, ob die Tat geplant war oder eine Situation eskaliert ist“, sagt Vullgraf.

Ist der Tatort – und auch der Tote – zum Sprechen gebracht, versuchen die Experten zu bewerten, warum sich die Wege von Täter und Opfer kreuzten. Gab es eine Vorbeziehung oder war es Zufall? Am Ende der Analyse steht idealerweise fest, was passiert ist und warum das Opfer ausgewählt wurde. Und es gibt ein Täterprofil: Über welche Fähigkeiten und körperlichen Besonderheiten verfügt er, wie alt dürfte er sein, ist er regional verwurzelt und in welchem psychischen Zustand befand er sich?

Urvater dieser Strategie, ein Täterbild zu erstellen – „Profiling“, wie die Amerikaner dazu sagen – war der FBI-Agent Robert K. Ressler, der 30 Jahre lang psychopathische Serienmörder jagte. Seine Arbeit war die Vorlage für den Roman „Das Schweigen der Lämmer“.

Einer der Fälle, den die Kieler Experten bearbeitet haben ist der noch ungeklärte Mord am Behler See. Im Mai 2013 hatte ein Einbrecher Bankierswitwe Giesela L. (78) in ihrem Reetdachhaus erstochen. Den Tathergang rekonstruierten die Analytiker so: Die alte Dame schlief im Obergeschoss, als der Einbrecher in der Nacht durch die vermutlich offene Terrassentür schlich. Gisela L. erwachte und bemerkte, dass jemand im Haus war. Sie holte ihren Schreckschuss-Revolver aus dem Schrank, mit dem sie sonst Rehe vertrieb, die auf dem großen Seegrundstück bei Plön ihre Blumen abfraßen. Mit der Waffe schlich sie die Treppe hinunter. Dort packte der Einbrecher sie von hinten und stach auf sie ein. Giesela L. wehrte sich heftig, der Kampf verlagerte sich ins Wohnzimmer, wo die alte Dame, von mehr als zehn Stichen getroffen, zusammenbrach und starb. Der Täter suchte danach im Schlafzimmer nach Geld, nahm etliche 500-Euro-Scheine mit.

Warum wurde Giesela L. zum Opfer? Auch dazu haben die Analytiker eine Theorie entwickelt. Beim Mord am Behler See ist sie so klassisch wie im Film. „Wir begehren, was wir sehen“, sagt Serienmörder Hannibal Lecter im „Schweigen der Lämmer“. Wer das 12.000-Quadratmeter-Anwesen nicht kennt, findet es kaum. Um es zu pflegen, hatte Giesela L. jedoch viele Helfer. Gelegentlich sprach sie auch Fremde an, die dann die Gartenpflege oder kleinere Arbeiten am Haus erledigten. Einer davon ist vermutlich ihr Mörder. Das Zusammentreffen erfolgte also nicht zufällig. Der Täter begehrte, was er sah – den Wohlstand der alten Dame. Und wahrscheinlich tötete er Giesela L., weil sie ihn kannte.

Zu den größten Erfolgen seines Teams zählt Vullgraf die Mitarbeit bei der Serie von Morden an drei kleinen Jungen durch den „Maskenmann“. Er war zwischen 1992 und 2001 in zahlreiche Schullandheime eingestiegen und hatte in Schleswig-Holstein über Jahre Jungen nachts in einem Zeltlager im Selker Noor unsittlich berührt. 1995 entführte er den acht Jahre alten Dennis R. aus seinem Zelt und tötete ihn. „Da er die Jungen teilweise weckte, bevor er sie berührte, musste der Täter nach unserer Analyse jemand sein, der auf Kinder einwirken konnte“, so Vullgraf. Und er war risikobereit. Bei einem Jungen war der Täter sogar in das Elternhaus eingestiegen. Das Missbrauchsopfer meldete sich 2011 bei der Polizei und erinnerte sich, das ihn der Betreuer einer Jugendfreizeit nach der Adresse gefragt hatte. Martin Ney (44) aus Bremen wurde festgenommen, er war Pädagoge.

Über 100 Fallanalysen hat das Team um Vullgraf, der von Anfang an dabei war, erstellt. Kann er bei einem so dichten Blick auf das Verbrechen manche Täter verstehen? „Ich kann nachvollziehen, warum es zu einer Tat gekommen ist“, sagt Vullgraf. „Aber Verständnis für die Täter habe ich nicht.“
 

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