„Erst als Frau habe ich mich als Mensch gefühlt“

Zwei Jahre schlüpfte Christian Seidel in die Rolle einer Frau. Beim Landfrauentag begrüßte Marga Trede den Autor wieder als Mann.
Zwei Jahre schlüpfte Christian Seidel in die Rolle einer Frau. Beim Landfrauentag begrüßte Marga Trede den Autor wieder als Mann.

Himmelblau oder Rosarot – Landfrauen wagen sich mit Gastredner Christian Seidel an die heiklen Themen der Gender-Debatte

shz.de von
06. Mai 2015, 12:18 Uhr

„Unter Frauen fühle ich mich wie unter Menschen, wie in einem Schlaraffenland der Sinne.“ Das sagt ein Mann, der ein spannendes Experiment gewagt hat. Der Autor und Filmemacher Christian Seidel wurde zu Christina, lebte fast zwei Jahre als Frau unter Frauen – mit blonder Mähne, Busen und rot lackierten Fingernägeln. Radikal, himmlisch, überraschend und auch schockierend ist das, was Seidel in dieser Zeit empfunden und erkannt hat – über Frauen, vor allem aber über Männer.

Gebannt folgten gestern in den Holstenhallen Neumünster fast 2000 Frauen beim Landfrauentag den Passagen, die Christian Seidel aus seinem Buch „Die Frau in mir“ vorliest. Dieses stürmte im vergangenen Jahr die Bestsellerliste, befeuerte es die Gender-Debatte doch nicht wie andere Werke mit Theorie, sondern mit schonungslos praktischen Erfahrungen darüber, was typisch Frau und typisch Mann ist – ein großes gesellschaftliches Thema, in manchen Facetten noch immer ein Tabu. „Ich bin froh, dass wir uns an Christian Seidel heran gewagt haben, unsere Gesellschaft braucht ein neues Rollenverständnis. Frauen sind genauso viel wert wie Männer, verdienen im ländlichen Raum aber 30 Prozent weniger“, sagte Landfrauen-Präsidentin Marga Trede. „Nicht Frau oder Mann, die persönliche Kompetenz sollte das entscheidende Kriterium sein, dann wären die Frauen schon viel weiter“, sagte Kulturministerin Anke Spoorendonk in ihrem Grußwort.

Wie Christian Seidel beim Mittagessen verriet, sei das Leben als Frau viel reicher und freier als das der Männer. „Frauen dürfen alles fühlen und sein, müssen nichts beweisen. In meiner Frauenrolle war ich ein entspannterer, vollständiger Mensch.“ Erfahren hat Christian als Christina auch, warum sich das heterogene Miteinander schwierig gestaltet. „Männer streichen fast alles Weibliche aus ihrem Leben, dadurch werden Frauen zum Beiwerk, auf das sie sich nicht wirklich einlassen“, sagt der Münchner. Menschsein minus Weiblichkeit sei für viele Männer gleich Männlichkeit, „mit diesem Rollenverständnis berühren sich Frauen und Männer niemals wirklich“, bedauert Seidel, der durch sein Experiment alle männlichen Freunde verloren, aber viele Frauenfreunde und eine glücklichere Ehe gewonnen hat. Sein Fazit: Die Emanzipation habe nur die Frauen geöffnet und gestärkt, die Klischees der Geschlechter sind verhärtet geblieben. Er appelliert an die Frauen: „Behandelt Männer wie Frauen, nehmt so den Druck aus der Beziehung.“

Beeindruckt ist Seidel vom Engagement der Landfrauen, denn „sie stehen ihre Frau mit einer beeindruckenden Vollständigkeit.“ Sein Rat an die Männer: „Lasst eure weichen Seiten zu, versucht nicht, alles zu erklären, spürt einfach mal.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen