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Ermittler legen Enkeltrick-Mafia lahm

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

International agierende Bande soll bei vielen Senioren in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz rund 1,5 Millionen Euro ergaunert haben

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2014 | 12:52 Uhr

„Es ist eine ganz große Nummer“, sagen Hamburgs Strafermittler, und ihre Genugtuung ist unüberhörbar. Polizei und Staatsanwaltschaft der Hansestadt haben im Zusammenwirken mit polnischen Kollegen den Erfinder des Enkeltricks dingfest gemacht und seine Bande zerschlagen. Am Dienstag klickten bei Arkadiusz L. (46) in Warschau die Handschellen. Der Pate der Enkeltrickbetrüger und seine Komplizen sollen mit ihrer Masche vor allem in Deutschland, der Schweiz und Luxemburg rund 1,5 Millionen Euro von älteren Menschen ergaunert haben. Ein größerer Teil der Taten ereignete sich im Großraum Hamburg. Polizeisprecher Andreas Schöpflin: „Die Tätergruppierung ging äußerst professionell und strukturiert vor.“

Meist von Polen aus riefen die Kriminellen dabei Senioren an und gaben sich als deren Enkel oder Bekannte aus. Sie berichteten von einem akuten finanziellen Engpass und baten ihre „Omas“ und Opas“ um Bargeld oder Wertgegenstände. Ein Freund des falschen Enkels holte diese später bei den gutgläubigen Opfern ab – und verschwand damit auf Nimmerwiedersehen. Laut Kathrin Hennings, Vizechefin der Abteilung Organisierte Kriminalität (OK) im Hamburger LKA, hatten die Täter Telefonbücher gezielt nach altmodisch klingenden deutschen Vornamen durchsucht. Das Alter der Opfer habe zwischen 55 und 99 Jahren gelegen. Kathrin Hennings: „Zum Teil händigten die alten Menschen ihre gesamten Ersparnisse aus.“

Die Beute ging über Boten größtenteils nach Polen, wo sich L. und seine Großfamilie davon ein luxuriöses Leben leisteten. Bei der Festnahmeaktion beschlagnahmte die Polizei auch Luxusautos. Außerdem Schmuck, Uhren, Besteck, verschiedene Wertgegenstände aus Silber und Gold sowie hochwertige Modeartikel, die gestern in Hamburg der Presse präsentiert wurden. Die Behörden versuchen nun herauszufinden, von wem die Beute stammt, um diese den Opfern auszuhändigen.

Als die Ermittler am Dienstag mit dem Haftbefehl vor der Tür des mutmaßlichen Bandenchefs standen, versuchte Arkadiusz L. (Jargonname: „Hoss“) über das Dach seiner Villa zu fliehen – ohne Erfolg. Mit ihm kamen 13 mutmaßliche Bandenmitglieder in U-Haft, darunter ein weiterer der insgesamt drei Haupttäter. Zuvor hatten die Ermittler nach und nach bereits 35 sogenannte Abholer gefasst und bei ihnen 350 000 Euro Bargeld sichergestellt.

Es war wohl ein Zufall, der Arkadiusz L. vor 15 Jahren auf die Betrugsmasche brachte. Er hatte einem älteren Mann in Hamburg einen minderwertigen Orientteppich als Qualitätsware andrehen wollen. Das Opfer hielt ihn am Telefon für seinen Enkel – und brachte den Polen so auf eine der erfolgreichsten Betrugsideen in Europa.

Im November 2012 hefteten sich Ermittler der Hamburger LKA-Abteilung Organisierte Kriminalität und der Hamburger Staatsanwaltschaft an die Fersen von „Hoss“ und seiner Leute. Immer wieder war es zwar gelungen, Abholer bei der Geldübergabe zu schnappen. Die Hintermänner in Polen aber – die „Keiler“ und ihre Logistiker in Deutschland und der Schweiz („Zwischenkeiler“) – blieben lange im Dunkeln. Erst allmählich vervollständigte sich das Ermittlungs-Puzzle. Am Dienstag kam es schließlich zur Groß-Razzia. 170 deutsche und polnische Beamte vollstreckten 14 Haftbefehle und 30 Durchsuchungsbeschlüsse in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Polen. Die Polizei schreibt der Bande insgesamt einen Schaden von fast einer Million Euro und fast 700 000 Schweizer Franken (575 000 Euro) in 97 Fällen zu.

Auch wenn der Clanchef und Enkeltrick-Erfinder nun hinter Gittern sitzt, seine Masche dürfte Bestand haben. OK-Vizechefin Hennings: „Es wird sicherlich weiterhin solche Taten geben.“

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