"Eine dramatische Situation"

<strong>Schaden</strong> im Brückenpfeiler-Kopf.
Schaden im Brückenpfeiler-Kopf.

shz.de von
29. Juli 2013, 01:14 Uhr

rendsburg | "Es ist deutlich geworden, dass wir in einer dramatischen Situation sind." Dieses Fazit zog Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Reinhard Meyer, nachdem er sich am Wochenende an der Rader Hochbrücke in Schacht-Audorf bei Rendsburg über die Ursachen der Teil-Sperrung für mindestens vier Monate informiert hatte. "Für einen Verkehrsminister ist es das Schlimmste, was man tun kann", sagte der SPD-Politiker über den Schritt, der den Verkehr im Land massiv durcheinanderwirbelt. Mit Rücksicht auf die Verkehrssicherheit gebe es jedoch keine Alternative. "Das ist das Allerwichtigste", so Meyer.

Die neuralgischen Punkte an den maroden Köpfen der Brückenpfeiler werden ab sofort täglich von einer Gondel aus kontrolliert. Damit können sich Fachleute des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr (LBVSH) an der Unterseite des Bauwerks entlang bewegen. Nur wegen dieser regelmäßigen Kontrollen lasse sich das Befahren in der jetzigen Form aufrecht erhalten, erklärte Matthias Paraknewitz, LBVSH-Niederlassungsleiter in Rendsburg.

Deutlich wurde bei dem Ortstermin, dass das Ausmaß der Schäden erst mit Verzögerung entdeckt worden ist. Schon vor einem Jahr, so schilderten es die LBVSH-Vertreter, sei an mehreren Pfeilerköpfen poröser Beton aufgefallen. Allerdings, wie sie beteuerten, ohne um die wahre Dimension zu wissen. Man sei von Routinearbeiten ausgegangen. Was den Befund verschleppte: Auf eine erste Ausschreibung hin habe keine Baufirma Interesse gezeigt, den von außen sichtbaren Brösel-Beton auszubessern. Erst nach einer zweiten Ausschreibung biss ein Unternehmen an. Dessen Mitarbeiter sahen in der letzten Woche genauer nach - und wurden böse überrascht: Die Schäden waren nicht, wie gedacht, lokal begrenzt. Von eigentlich 40 bis 60 Zentimeter dicken Elementen sind bis zu 15 Zentimeter zerbröselt. "Das ist viel zu viel", urteilt Paraknewitz. Und: Dahinter hätten sich Hohlräume an Stellen gezeigt, wo massives Material vermutet worden war. Meyer verglich das Erlebnis mit Tücken bei der Sanierung eines Hauses: "Wenn Sie da anfangen, finden Sie auch manchmal mehr als zunächst gedacht."

Am Montag vergangener Woche war nach Bekanntwerden des Schadensumfangs ein Spezial-Statiker mit einer genauen Analyse beauftragt worden. Bis das Ergebnis vorlag, haben Insider in der Straßenbauverwaltung nach eigenen Angaben mehrere Nächte schlecht geschlafen. Am Donnerstagabend hatte der Statiker zu Ende gerechnet und empfahl: die Verkehrslast der Brücke um rund 80 Prozent reduzieren - deshalb die Verbannung aller Lkw schon ab 7,5 Tonnen und für Pkw nur noch die Benutzung von jeweils einer Fahrspur pro Richtung. Erste Pläne zur Schadensbegrenzungen sehen vor, dass ab morgen an den porösen Stellen neuer Beton eingespritzt wird. Zudem sollen Korsetts die Pfeilerköpfe stützen.

Anhand vergrößerter Fotos zeigten die Straßenbauverwalter dem Minister ein Schlaglicht, das stutzen lässt: Die Arbeiter haben 1971 ein Schalbrett in einem der Pfeilerköpfe liegen lassen. Paraknewitz: "Die haben da vor 40 Jahren nicht ordentlich aufgeräumt." Ein detailliertes Schadensbild haben die Spezialisten derzeit nur von fünf der insgesamt 14 Pfeiler-Paare. Die übrigen müssen noch geöffnet werden. Bei ihnen erwarten die Experten einen ähnlichen Zustand. Allerdings, das räumte Meyer auf Nachfrage ausdrücklich ein: "Man ist vor Überraschungen nie sicher." So wollte sich bisher auch niemand zu Kostenschätzungen äußern.

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