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Ein Appell für die Gerechtigkeit

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erstellt am 02.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Hamburg | Blaue Fahnen flattern im Wind, Posaunenklänge schallen über die Elbe. "Ehre sei Gott und den Menschen Frieden" - vor dem Panorama der Hafenkräne und der skandalumwitterten Elbphilharmonie erklingen Choräle über dem Strom. Zehntausende Christen feiern einen Gottesdienst - es ist Kirchentag in Hamburg. Bis Sonntag kommen fast 117 000 Dauerteilnehmer aus Europa in der Hansestadt zusammen. Unter dem Motto "So viel Du brauchst" hören sie Vorträge, diskutieren über den interreligiösen Dialog, singen und beten gemeinsam.

Schon am gestrigen Eröffnungstag ist Hamburg fest in der Hand der Kirchentagsbesucher. In der S-Bahn unterhalten sich Besucherinnen aus München darüber, ob sie lieber die Bibelarbeit von Margot Käßmann oder doch eher von Wolfgang Huber besuchen sollten. An einer Straßenecke steht ein Jugendchor und singt sich für einen der vier Eröffnungsgottesdienste warm.

In deren Zentrum standen dann klassische Kirchentagsthemen: Soziale Gerechtigkeit, Armut, Steuerflucht. Und weil Kirchentage seit nunmehr 30 Jahren Wert auf Barrierefreiheit legen, predigte Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs beim Eröffnungsgottesdienst am Strandkai in "Leichter Sprache", um nicht nur für den ebenfalls anwesenden Bundespräsidenten Joachim Gauck, sondern auch für Menschen mit Handicap verständlich zu sein. "Auch hier in Hamburg leben Menschen, die arm sind", sagte die Bischöfin. Jedes fünfte Kind in Hamburg erhalte Hartz IV-Sozialleistungen. "Und das in einer Stadt mit einer Elbphilarmonie!"

Vor mehreren zehntausend Zuhörern erinnerte Fehrs an das Schicksal der Menschen in Syrien, Israel, Palästina und Nordkorea und appellierte an Mitmenschlichkeit und den Zusammenhalt der Gesellschaft. "Ja, unsere Erde ist aus dem Gleichgewicht", so Fehrs. "So viel Müll. So viel Ungerechtigkeit. So viele Bomben. So viel Gezocke."

Unmittelbar vor Beginn des Christentreffens hatten die Verantwortlichen noch einmal deutlich Position gegen Steuerhinterziehung und Staatsverschuldung bezogen. "Die Steuerflucht muss aufhören", forderte Kirchentagspräsident Gerhard Robbers. Unerträglich sei es, wenn "durch Spekulation mit Lebensmitteln die Ärmsten hungern müssen". Man sehe, in welche tiefen, persönlichen Krisen die Gier einzelne Menschen reißen könne. Und Fehrs sprach sich für eine "religiöse Koalition gegen die Gottvergessenheit" aus. Denn in der Hansestadt ist nur noch jeder Dritte Mitglied einer christlichen Kirche. Was die Hamburger am sonnigen Frühlingsabend freilich nicht davon abhielt, zu Tausenden die Innenstadt zu bevölkern. Bei einem von der gastgebenden Nordkirche organisierten "Abend der Begegnung" präsentierten sich Kirchengemeinden von Flensburg bis Usedom den Besuchern, bevor der Eröffnungstag des Kirchentags mit einem Abendsegen im Schein tausender Kerzen an der Binnenalster endete.

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