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Docmobil scheitert vor dem Start

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Brunsbüttel | In Schleswig-Holstein droht ein massiver Ärzte mangel. Von den 1900 Hausärzten im Land sind ein Drittel 60 Jahre und älter, und junge Ärzte, die nachfolgen könnten, zieht es nicht unbedingt aufs Land. Besonders betroffen ist die Westküste. Händeringend wird deshalb seit Jahren nach Lösungen gesucht, wie dem Ärzte-Notstand begegnet werden kann.

Helfen könnte der Einsatz mobiler Arztpraxen. Vom Kieler Gesundheitsministerium wurde deshalb vorgeschlagen, ein Pilotprojekt "Docmobil" in Dithmarschen zu starten. Denn dort engagiert sich seit 1998 das bundesweit anerkannte Medizinische Qualitätsnetz Westküste (MQW), dem sich 70 Ärzte angeschlossen haben. Auch wenn der Vorstoß aus Kiel längst nicht alle Mediziner in Dithmarschen überzeugte, wollte das MQW helfen, ein Docmobil auf die Straße bringen. Bundesweit wurde über diese Idee berichtet. Doch aus dem Projekt wird vorerst nichts, wie MQW-Vor sitzender Stefan Krüger (51) auf Nachfrage bestätigt.

Hauptgrund: Das MQW hat Post vom Itzehoer Finanzamt erhalten, soll die vergangenen zehn Jahre nachversteuern. Es geht um eine Summe zwischen 300 000 und 400 000 Euro. "Die sehen unser Medizinisches Qualitätsnetz wie eine Unternehmensberatung. Damit ist die Zukunft des MQW direkt gefährdet, das macht unsere Netze im Moment tot", erklärt Krüger.

Das MQW hat einen Vertrag mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Werden durch Zusammenarbeit und konkrete Projekte Kosteneinsparungen erzielt, erhält das MQW einen Teil der Einsparungen vergütet, kann damit weitere Verbesserungen anpacken. So sollte das Docmobil, getragen von einer Stiftung, drei Jahre lang vom Netzwerk begleitet werden. Wobei als wichtigster Partner die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) mit ins Boot geholt werden sollte. Denn sie müsste, so Krüger, ein Budget für Medikamente, Heilmittel und Praxisbedarf bereit stellen. "Doch derzeit besteht auf Seiten der KV nur mäßiges Interesse", sagt Krüger. Eine gewisse Skepsis gegenüber dem Vorhaben bestätigt Delf Kröger, Abteilungsleitung Gesundheitspolitik bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Generell lehne die KV ein Docmobil aber nicht ab. Sie hält es allerdings für besser, einen Fahrdienst einzurichten, der die Patienten aus den Dörfern zum Arzt bringt. Für das Medizinische Qualitätsnetz Westküste ist neben der Finanzamt-Forderung auch die Zurückhaltung der KV ein Grund, das Docmobil-Projekt zunächst nicht weiter zu verfolgen. Dies hat der Vorstand auf seiner Sitzung Anfang der Woche nach intensiver Beratung beschlossen. Dabei spielte, so Krüger, ebenso die neue Bedarfsplanung der Ärzte dichte in Deutschland eine Rolle. Sie gibt vor, dass seit dem 1. Juli für 1700 Einwohner ein Arzt ausreichend ist. Mit der Folge, dass in Dithmarschen auf den ersten Blick gar nicht mehr von einem Ärztemangel gesprochen wird. "Zurzeit ist nur im Meldorfer Raum ein freier Arztsitz vorhanden. Vor der neuen Bedarfsplanung fehlten acht Ärzte", sagt Krüger, der etwas ungläubig auf eine Grafik schaut, die die Arztdichte verdeutlichen soll. Demnach ist Dithmarschen (bis auf Meldorf) sogar überversorgt. In Wirklichkeit sieht es laut Krüger in einigen Landstrichen aber ganz anders aus, müssen Patienten einen weiten Weg bis zum nächsten Arzt auf sich nehmen. Der Internist aus Brunsbüttel meint, der Fehler in der neuen Berechnung liegt daran, dass nicht zwischen Städten und länd lichen Regionen unterschieden wird. Als der Mediziner von den neuen Zahlen erfuhr, war er nach eigenen Worten geschockt. Auch deshalb, weil das Qualitätsnetz gemeinsam mit dem Kreis Dithmarschen bemüht ist, junge Ärzte für Dithmarschen zu gewinnen. Und davon will das MQW auch nicht abrücken. Krüger: "In zwei, drei Jahren werden zahlreiche Kollegen in den Ruhestand gehen, dann wird sich die Lage erheblich verschlimmern."

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erstellt am 16.Aug.2013 | 01:14 Uhr

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