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„Dieses Kind musste geschützt werden“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Anhörung im Yagmur-Untersuchungsausschuss: Rechtsmediziner warnte schon früh vor möglichen Misshandlungen

Könnte die kleine Yagmur noch leben? Schon fast ein Jahr vor dem tragischen Tod der Dreijährigen hat es offenbar folgenschwere Kommunikationsprobleme zwischen behördlichen Stellen gegeben. Nach der Diagnose lebensgefährlicher Verletzungen des Mädchens am Kopf und am Oberbauch hatte Rechtsmediziner Klaus Püschel zwar Anfang 2013 Strafanzeige gegen Unbekannt wegen massiver Gewalteinwirkung gestellt. In der „kühl“ formulierten Anzeige sei aber seine große Besorgnis um das Mädchen „wohl nicht so rübergekommen“, räumte Püschel gestern Abend als Zeuge im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) zum Tod des Mädchens ein. Die Verursacher der Verletzungen konnten nie ermittelt werden, obwohl die leiblichen Eltern im Verdacht standen, ihre Tochter misshandelt zu haben. Das Ermittlungsverfahren wurde im Sommer 2013 eingestellt, im Herbst übergab das Jugendamt Yagmur wieder in die Obhut ihrer Eltern. Mitte Dezember starb das Mädchen an inneren Verletzungen in Folge eines Leberrisses. Ihre Eltern sitzen seitdem in U-Haft. Der Vater steht unter dringendem Verdacht, die Dreijährige zu Tode misshandelt zu haben; seine Ehefrau soll bei dem Geschehen nicht eingegriffen haben.

Püschel, der die Hamburger Rechtsmedizin seit 23 Jahren leitet, sagte, er habe einen solchen Fall noch nie erlebt. „Das war einzigartig.“ Yagmur sei im Januar 2013 wegen einer Vielzahl schwerer Verletzungen im Kinderkrankenhaus Altona behandelt worden. Wegen eines „sehr schweren Schädel-Hirn-Traumas“ habe ein Chirurg eine Sonde in den Schädel der damals Zweijährigen legen müssen, um überschüssiges Hirnwasser abzuleiten. Auch habe Yagmur unter einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse gelitten, die laut Püschel „nur durch äußere stumpfe Gewalt“ zu erklären gewesen sei. „Beide Verletzungen waren geeignet, das Kind zu töten.“ Über den Fall habe ihn eine Ärztin des Kinder-Kompetenz-Zentrums zum Schutz misshandelter Kinder informiert, persönlich habe er Yagmur nicht untersucht. Nach Aktenstudium sei die Situation für ihn klar gewesen. Püschel: „Ich war der Auffassung, dieses Kind müsste geschützt werden und habe deshalb die Staatsanwaltschaft und die Polizei eingeschaltet.“ Eine solche Strafanzeige stelle er extrem selten. Dennoch sei die Dringlichkeit eines behördlichen Eingreifens offenbar nicht durchgedrungen.

Wer Yagmur die schweren Verletzungen zugefügt hatte, habe er nicht beurteilen können, sagte der Rechtsmediziner. Über die Einstellung des Ermittlungsverfahrens habe er sich zwar gewundert, interveniert habe er aber nicht. Püschel: „Das erschien mir von der Zuständigkeit von mir als Mediziner nicht angemessen.“ Das Familiengericht habe ihn in der Sache nicht kontaktiert. Dieses hatte im Sommer 2013 trotz der möglichen Misshandlungen keine Bedenken gegen eine Rückkehr des Mädchens von der Pflegemutter zu den leiblichen Eltern vorgebracht. So entschied es schließlich das Jugendamt – mutmaßlich Yagmurs Todesurteil.

Als Lehre aus Yagmurs Tod empfahl Rechtsmediziner Püschel unter anderem eine Meldepflicht für Ärzte, sofern diese Anzeichen von Gewalt gegen Kinder feststellen.

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