Verbot in Grossbritannien : Die Wege des Khat-Schmuggels durch SH

Khat-Schmuggel im Januar 2014 in einem Peugeot Kastenwagen. Der Fahrer gab er an, Gemüse nach Kopenhagen zu bringen.
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Khat-Schmuggel im Januar 2014 in einem Peugeot Kastenwagen. Der Fahrer gab er an, Gemüse nach Kopenhagen zu bringen. Seine Fahrt endete am Autobahnparkplatz Arenholz (Kreis Schleswig-Flensburg).

Immer wieder sind Khat-Schmuggler auf dem Weg nach Skandinavien auf den Straßen in SH unterwegs. Die Wege der berauschenden Kaudroge führen über die A7 und die Vogelfluglinie. Wird ein Import-Verbot in Großbritannien den Transport im Transitland verstärken?

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26. Juni 2014, 12:23 Uhr

Flensburg | Die Lieferwagen, Lkw oder Autos sind so unauffällig, dass sie sofort verdächtig wirken. Mit geschultem Auge spiekt die Bundespolizei vor der dänischen Grenze auf mögliche Drogentransporte durch Schleswig-Holstein. Ein Ziel: Khat. Das Rauschmittel ist in Norddeutschland relativ unbekannt, SH ist hier nur Transitland auf dem Weg nach Skandinavien. Dort warten die Konsumenten der Kaudroge. Meist Einwanderer aus dem afrikanischen Raum, die ihre Leidenschaft für die berauschenden Blätter nicht abgelegt haben. In Skandinavien leben überdurchschnittlich viele Afrikaner.

Doch auch wenn Khat so gut wie gar nicht in SH auf den Markt kommen soll – die Beamten stoppen jedes Fahrzeug, das sie im Verdacht haben. Lastwagen, Autos mit verdunkelten Scheiben, schwer beladene Transporter. Versteckt in Bananenkisten ist die Droge manchmal. Oder schlicht in Plastikfolie umhüllt auf Paletten geladen.

Nicht nur am heutigen internationalen Tag gegen illegalen Drogenhandel gerät die Kaudroge ins Visier. Europa wehrt sich vermehrt gegen den Blatt-Import. Bis Anfang 2012 exportierte Kenia rund 90 Prozent seines Khats, das dort „Miraa“ genannt wird, in die Niederlande und nach Großbritannien. Im Januar erklärte Den Haag ein Importverbot. Seither galt London als wichtigster Exportmarkt. Mitte 2013 kündigte auch Großbritannien ein Verbot an, das seit dieser Woche umgesetzt wird. Sehr zum Ärger für die zahlreichen Konsumenten im Königreich.

„Die Kuriere müssen sich jetzt etwas neues überlegen“, sagt Hanspeter Schwartz von der Bundespolizei in Flensburg. Die Einfuhr ist mit dem Verbot in Großbritannien jetzt in allen europäischen Ländern verboten. Möglich wäre, dass sich die Route über die Niederlande wieder ausweitet – zumindest für die Einfuhr in den Schengen-Raum, zu dem Großbritannien nicht gehört.

Denn Großabnehmer sind dort vor allem Dänemark und Schweden. Über das Vereinigte Königreich führt die Esbjerg-Fähre dorthin. „Von den Niederlanden aus geht es häufig über die Straße in Richtung Norden“, sagt Schwartz. Und somit auch durch SH. „Die beiden Haupttransitstrecken sind in erster Linie die A7 in Richtung Dänemark, als Nebenroute aber auch die Vogelfluglinie über Fehmarn.“ Größter „Fang“ der Bundespolizei in diesem Jahr war eine Tonne Khat in einem Lastwagen. Kieler Beamte entdeckten im März die Droge bei Kontrollen in Puttgarden. Der 40-jährige Fahrer hatte angegeben, Büromaterial für Dänemark zu transportieren. Bei der Durchsuchung des Wagens am Donnerstag stießen die Beamten auf drei mit schwarzer Folie umwickelte Kartons, die die Kaudroge enthielten. Genau einen Monat später kontrollierten Beamte einen mit 420 Kilogramm Khat beladenen Lastwagen dem auf einem Autobahnparkplatz in Handewitt. Die Kaudroge war hinter diversen Getränkepaletten versteckt. Die Bundespolizisten fanden 77 Kartons mit dem Rauschgift.

Seit einigen Monaten ist der Bundespolizei allerdings kein Khat-Kurier mehr ins Netz gegangen. „Da wir in letzter Zeit immer mehr Flüchtlingstransporte haben, hatten die Beamten weniger Zeit, nach Khat-Schmugglern zu gucken“, sagt Schwarz. Außerdem sei der Trend vom Groß-Schmuggel hin zu kleineren Transporten. „Sie beladen die Autos bis zur Fensterkante und werfen eine Decke drüber“, berichtet Schwartz. Diese Fahrzeuge seien nicht so auffällig für die Beamten wie voll beladene Transporter.

Doch sobald die Polizisten einen Schmuggler kontrollieren, ist die Droge schnell gefunden. Der Wirkstoff der frischen Blätter dünstet stark aus, so dass die Scheiben oft beschlagen sind. Außerdem verströmt die Kaudroge einen stark süßlichen Geruch. „Der Geruch ist schwer zu beschreiben. Höchstens so: Das stinkt wie Hulle“, sagt Schwartz. Die Beamten seien nach einer solchen Kontrolle erst einmal „bedient“.

Oft ist die hohe Geschwindigkeit der Fahrten ein Indiz für den Schmuggel. Die Kuriere haben es eilig, allzu lange dürfen die Blätter nicht im Auto verwelken. Der Wirkstoff steckt vor allem in den jungen, frisch gepflückten Blättern, nach drei Tagen ist die Wirkung nur noch minimal. Khat wird vor allem in Afrika angebaut. Hauptexportländer sind Kenia, Äthiopien, Oman und Jemen. Oft ist Khat profitabler als Tee und Kaffee, die beiden anderen kenianischen Exportschlager, weil die jungen Blätter alle 30 Tage geerntet werden können. Die Pflanze sieht harmlos aus: Ein grüner Strauch, mit Blättern wie am Lorbeer. Der berauschende Wirkstoff Cathin darin ist anregend wie Koffein. Das Amphetamin wird durch langes Kauen der Blätter über die Mundschleimhaut aufdenommen. Dazu werden die Blätter nach und nach in den Mund gestopft und zerkaut, gern bilden die Konsumenten eine Art Blattbreibällchen, dass die hinter die Wange klemmen.

Cathin versetzt den Konsumenten in eine Hochstimmung, Müdigkeit und Hungergefühl werden unterdrückt. Daher ist er auch in vielen verschreibungspflichtigen Appetitzüglern vorhanden. Doch das Amphetamin birgt auch Gefahren: Der dauerhafte Konsum von Khat kann sich schädlich auf das Herz auswirken. Außerdem kann Krebs im Mund auftreten.

Warum ist Khat dennoch so begehrt? Toxikologe Stefan Tönnes vom Institut für Forensische Toxikologie in Frankfurt probierte die Droge mit Kollegen aus. „Erst wurde mir schlecht, dann hatte ich das Gefühl, über dem Boden zu schweben“, berichtete Tönnes. Der Wirkstoff Cathin ähnelt dem Amphetamin in der Droge Speed. In seiner Dissertation, die aus der Studie hervorging, schreibt er: „Es entsteht die Illusion einer geistig-intellektuellen als auch einer körperlichen (nicht nur sexuellen) Potenz.“ Rund 200 Gramm Khat müssen drei bis vier Stunden gekaut werden, bis sie ihre Wirkung entfalten.

Für viele Afrikaner ist die Droge aber auch Lebensgrundlage. Die Khat-Ernte in Kenia bringt jährlich rund 5000 Tonnen im Wert von 17,3 Millionen Euro ein. Nach Angaben eines Sprechers des Landwirtschaftsministeriums in Nairobi leben mehr als 500.000 Kenianer von Anbau, Verpackung und Transport der Pflanze, weitere 150.000 profitieren indirekt von dem blühenden Handel.

In Deutschland fällt der Wirkstoff – und somit auch die Blätter – unter das Betäubungsmittelgesetz. In den Ursprungsländern gehört das Kauen der Blätter jedoch zum Alltag und ist weithin akzeptiert. Allein nach dem Verbot in den Niederlanden schnellte der Schwarzmarktpreis pro Kilogramm von 60 auf 160 Euro. Wie sich der Preis der Kaudroge nach dem Verbot in Großbritannien entwickelt, bleibt abzuwarten. Schwartz: „Wir gehen davon aus, dass der Konsum nicht abreißen wird.“ Die Beamten von der Bundespolizei bleiben also weiter auf der Suche nach den Schmugglern in den auffällig unauffälligen Transporten.

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