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„Die Versöhnung kam nicht von selbst“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Dänen und Deutsche erinnern gemeinsam an die Schlacht bei Düppel vor 150 Jahren

shz.de von
erstellt am 17.Apr.2014 | 13:49 Uhr

Als einziges Mitglied auf der Ehrentribüne war sie auch schon beim 100. Gedenken an die Schlacht auf den Düppeler Schanzen 1964 dabei: Dänemarks Königin Margrethe, damals noch als 24-jährige Kronprinzessin. „Seinerzeit trugen die Gedenkfeierlichkeiten noch ein deutlich dänisches Gepräge“, rief die Monarchin gestern vor rund 10 000 Besuchern auf dem einstigen Kriegsschauplatz bei Sonderburg in Erinnerung. Was sie nicht erwähnte, was aber viele Dänen wissen: 1964 ergriff König Frederik IX. sogar ein zweites Mal spontan das Wort, um eine als allzu pro-europäisch empfundene Rede des Ministerpräsidenten ein wenig mit patriotischerem Zungenschlag zurechtzurücken.

Zum 150. Jahrestag der größten Schlacht im deutsch-dänischen Krieg um Schleswig-Holstein hingegen waren die Nachfahren der einstigen Feinde voll integriert. In Reihe 1 saßen der Kieler Regierungschef Torsten Albig und der deutsche Botschafter in Dänemark gleichberechtigt zwischen den Mitgliedern der königlichen Familie, Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt und Parlaments-Präsident Mogens Lykketoft. SSW-Europaministerin Anke Spoorendonk als Mitglied der dänischen Minderheit sowieso.

Das Düppel-Gedenken spiegele den Blick verschiedener Zeiten auf die dramatische Geschichte Schleswigs und Sønderjyllands wider, stellte die Königin fest. „Die Versöhnung kam nicht von selbst – aber sie kam“, unterstrich Margrethe. „Anfangs war Düppel eine offene Wunde, später eine Narbe, die zuweilen spürbar war und zwickte.“ Heute könne der Tag zu der Erkenntnis dienen, „dass sich selbst ernsthafte Streitigkeiten überwinden lassen, wenn der Wille dazu da ist.“

Schleswig und Holstein waren durch die Niederlage Dänemarks 1864 nach mehr als 400 Jahren aus der dänischen Monarchie ausgeschieden. Ein Einschnitt, „der Dänemark als Land verändert hat“, wie Thorning-Schmidt über diese Stunde Null für ihre Nation sagte. Wie die Vorfahren vieler Gedenk-Teilnehmer hat auch ihr Urgroßvater mütterlicherseits auf Düppel gekämpft. Lange habe Dänemark nach 1864 gebraucht, „um zu lernen, dass sich ein kleines Land nicht in sich selbst einschließen kann“. Schließlich sei aus Feindschaft Nachbarschaft geworden und denn aus Nachbarschaft Freundschaft. Als Symbol für dänischen Selbstbehauptungswillen hält die Sozialdemokratin an Düppel fest: „Dänemark ist es wert, dafür zu kämpfen – damals und heute.“ Ob 1864 oder heute in internationalen Einsätzen – die Aufgabe der Soldaten sei dieselbe. „Nämlich dafür zu sorgen, dass wir sicher leben können“.

Der deutsche Botschafter Michael Zenner bezeichnete Düppel als einen „Ort, der für die Entfremdung unserer beiden Länder stand“. Torsten Albig benannte ebenso klar die Eiszeit, die dem deutsch-dänischen Krieg folgte: „Nach 1864 galten Deutsch und Dänisch fast ein Jahrhundert lang als unvereinbare Gegensätze. Heute wachsen Dänemark und Schleswig-Holstein beständig aufeinander zu – ohne zu verschmelzen. Wir erkennen uns in einem gemeinsamen nordischen Lebensgefühl wieder.“ Zwar blieben Albigs folgende Abschlusssätze inhaltlich unverständlich, weil er sich völlig an dem Versuch verhob, sie auf Dänisch vorzutragen. Doch allein der gute Wille führte abschließend zu genauso langem Applaus des überwiegend dänischen Publikums wie für die einheimischen Redner.

Auch bei den künstlerischen Einlagen setzten Gäste aus dem Süden Akzente. Den Aufsehen erregendsten Programmpunkt lieferte die Ballett-Chefin des Landestheaters Schleswig-Holstein. Unter Katarina Torwestens Regie bildeten 18 Tänzer aus Deutschland und Österreich eine Pyramide – nachdem sie die Hüllen hatten fallen lassen. Ein Symbol, wie das Leid des Krieges Soldaten aufs nackte Menschsein zurückwirft. Zugleich eine Absage an das unter Dänen verbreitete Klischee, ihre Nachbarn seien hölzern.

Vor dieser zivilen Zeremonie hatten die dänischen und deutschen Spitzen-Gäste an einem Gemeinschaftsgrab für 362 Gefallene aus beiden Nationalitäten hoch über der Flensburger Förde Kränze niedergelegt. Je 35 dänische und deutsche Soldaten bildeten dabei die Ehrenformation. Dieser Programmpunkt mit Panoramablick hinüber auf die Landschaft Angeln begann exakt um 10 Uhr morgens – dem Start des einstigen preußischen Sturmangriffs. Unmittelbar davor hatten vor 150 Jahren Feldgeistliche die Sturmkolonnen noch zusätzlich angefeuert. Gestern Nachmittag gab es auch theologisch eine Versöhnung: Als letzten Programmpunkt mit Teilnahme der Königin feierten der designierte Schleswiger Bischof Gothart Magaard und sein Amtskollege aus Hadersleben einen Gottesdienst. Zuvor hatte die Monarchin im Sonderburger Schloss die Ausstellung „Menschen im Krieg“ besichtigt, entstanden in Kooperation mit der Kieler Landesbibliothek.

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