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Itzehoer St. Laurentii-Kirche : Die Organistin auf Socken

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Von der Walze bis zum Taktstock: Dörthe Landmesser gibt in der Itzehoer St. Laurentii-Kirche den Ton an.

shz.de von
erstellt am 14.12.2013 | 15:30 Uhr

Itzehoe | Wenn es um das Orgelspielen geht, ist Dörthe Landmesser verwöhnt. Ihre erste größere Organistenstelle führte sie an die Hamburger St. Jacobi-Kirche. Dort spielte sie an der größten erhaltenen Barockorgel der Welt aus dem Jahr 1693. Mit so einem Superlativ kann St. Laurentii in Itzehoe, wo die Kirchenmusikerin seit zwei Jahren tätig ist, nicht dienen. Aber ganz ohne ist die Steinburger Kirche auch nicht. Ihre Orgel ist die größte der Westküste, ausgestattet mit 46 klingenden Registern und vier Registern der Prospektorgel, die von 1716 bis 1719 gebaut wurde. Es war die letzte Orgel eines der berühmtesten Orgelbauer seiner Zeit, Arp Schnitger.

Eine „graue Kirchenmaus“ wollte Dörthe Landmesser nie werden. So studierte sie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater und hielt sich alle Optionen offen. Doch nach der ersten Assistenz-Stelle in St. Jacobi hat sie als Organistin und Kantorin in der Itzehoer Stadtkirche ihre Berufung gefunden. Dort leitet sie die Kantorei, die Kinderchöre und auch zwei Blockflötenkreise, die Erwachsenen – bislang sind es ausschließlich Frauen – die Möglichkeit zum „Wiedereinstieg“ geben. Nur allzu oft verschwindet die Blockflöte nach den ersten Erfahrungen im Musikunterricht und beim häuslichen Vorspielen ein Leben lang in der Schublade.

Bei der Itzehoer Kirchenmusikerin ist das anders. Da wird bis heute im Elternhaus Musik gemacht. Wenn Dörthe Landmesser am ersten Weihnachtstag ihren Dienst auf der Empore beendet hat, wird sie ins Münsterland zu den Eltern fahren. Dort treffen auch die drei Geschwister zusammen. Dann geht’s nach Krippenspiel-Aufführung, Chordirigieren und dem Spiel an der Orgel in St. Laurentii im Familienkreis weiter. Cello, Geige, Trompete werden herausgeholt, der Vater sitzt am Klavier, andere Familienmitglieder singen im Chor. Privatissimum wird das Weihnachtsoratorium aufgeführt. „Das gehört Weihnachten dazu“, sagt die Kirchenmusikerin.

Aber singen junge Menschen heute noch gerne? „Das denke ich schon. Schauen Sie sich die Flut von Casting-Shows im Fernsehen an“, betont die Organistin und Kantorin. Außerdem gebe es immer mehr Stiftungen, die sich für das Singen stark machten. Es bringe nicht nur Spaß, sondern fördere die Intelligenz, weil sich die beiden Gehirnhälften besser vernetzen könnten, verweist Landmesser auf Studien des Hirnforschers Manfred Spitzer.

Solche theoretischen Erkenntnisse waren für die Itzehoer Kirchenmusikerin nicht notwendig, um ihre Freude am Orgelspiel zu entfachen. Den Chemieunterricht schwänzte sie als Schülerin schon mal, um heimlich in der heimischen Kirche an der Orgel zu spielen. Das Instrument hat es ihr angetan, und das gehe – erzählt sie – jungen Menschen von heute ebenso. Ihr 13-jähriger Schüler Malte darf in diesem Jahr beim Schul-Weihnachtsgottesdienst erstmals an der Orgel von St. Laurentii ein Stück spielen. Außerdem unterrichtet sie mehrere weitere jugendliche Orgelspieler, die nicht zuletzt von der Technik des Instruments fasziniert seien. So steckt im moderneren Teil der St. Laurentii-Orgel eine Menge High Tech. Da ist zum Beispiel die Walze. Mit dem Fuß kann sie bewegt und ein Crescendo erzeugt werden: Der musikalische Vortrag wird durch das automatisch Ziehen von Registern lauter oder leiser.

Die Walze dürfte Dörthe Landmesser zu Weihnachten öfter einsetzen. Zu den eigenen Favoriten unter den Advents- und Weihnachtslieder gehört „In dulci jubilo“, ein Kirchenlied aus dem 14. Jahrhundert.

Zurück zur Orgel. Zu den vier Manualen gibt es das Pedalwerk. Dörthe Landmesser erinnert sich, wie sie anfangs einmal in Socken spielte, um mit den Füßen besser die richtigen Töne zu treffen. Nach einem Gottesdienst ging sie gedankenverloren die Empore hinab nach vorne zum Pastor und bemerkte erst spät das Schmunzeln der Kirchenbesucher über das fehlende Schuhwerk der Organistin.

Auch morgen, am Sonntag, den 15. Dezember, 18 Uhr, werden alle Augen auf sie gerichtet sein. Allerdings nicht wegen der Schuhe. Dann hält Dörthe Landmesser den Taktstock in der Hand und dirigiert Orchester, Kantorei und Solisten beim großen Weihnachtskonzert in St. Laurentii. Unter anderem stehen Leonard Bernsteins „Chichester Psalms“ auf dem Programm.

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