Die Mörder sind unter uns

%_rot-auszeichnung_%AKTENZEICHEN UNGELÖST %__rot-auszeichnung_%Mord verjährt nie, die Jagd nach den Tätern hört niemals wirklich auf. Immer wieder gelingt es den Ermittlern, die Mörder auch nach Jahrzehnten noch aufzuspüren. Doch in den Aktenschränken der schleswig-holsteinischen Mordkommissionen liegen seit 1990 mindestens 44 ungeklärte Fälle.

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07. Januar 2013, 01:14 Uhr

Kiel/Flensburg | Ungeklärte Morde lassen die Ermittler nicht los. So wie der Fall der damals 20-jährige Renate N., die am 6. Januar 1970 unweit ihres Elternhauses in Flensburg-Weiche sexuell missbraucht, ausgeraubt und brutal ermordet wurde.

Jetzt, 43 Jahre nach der Tat, löste der Flensburger Kriminalbeamte Frank Reisch den ältesten nicht aufgeklärten Mordfall seiner Behörde und ermittelte den Mörder der jungen Verkäuferin (wir berichteten). Allerdings: Der Täter wurde zwar überführt, kann aber nicht mehr belangt werden: Er starb im Juli 2012 eines natürlichen Todes.

Die späte Aufklärung des Flensburger Mordes ist kein Einzelfall. Im April 2011 wurde ein heute 65-Jähriger verhaftet, der zwischen 1969 und 1984 im Raum Hamburg, Norderstedt und Segeberg fünf Morde begangen hatte. Den Fahndern verhalf eine neue, verfeinerte Untersuchungsmethode von Gen-Spuren zum Durchbruch.

Für Heike Bredfeldt-Lüth vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein sind regelmäßige Überprüfungen aller Spuren mit neuen Methoden nichts Ungewöhnliches.

Immer wieder werde das LKA von den Mordkommissionen in Flensburg, Kiel, Lübeck und Itzehoe oder den zuständigen Staatsanwaltschaften damit beauftragt, alte Asservate ungelöster Fälle erneut zu überprüfen, sagte die Sprecherin Schleswig-Holstein am Sonntag. Zwischen 1990 und 2011 ereigneten sich in Schleswig-Holstein 527 Morde oder Mordversuche. 483 Mal wurden der oder die Täter überführt, 44 Fälle sind noch immer nicht geklärt. Im gleichen Zeitraum wurden 1081 Totschlagsdelikte verübt, von denen 1007 aufgeklärt wurden. Unsere Zeitung dokumentiert nachfolgend die spektakulärsten, noch nicht gelösten Fälle im Land:


Der Fall "Mandy"

Am 9. August 1994 stirbt die 24-jährige Sylvia D. in Flensburg. Die Prostituierte, die als "Mandy" anschaffte, starb öffentlich. Es gab Dutzende von Zeugen, die ihren mehr als 20 Minuten dauernden Todeskampf auf Balkonen oder durch geöffnete Fenster an diesem heißen Augustnachmittag hörten - aber niemand kam auf die Idee, die Polizei zu rufen. Sechs Wochen lang ermittelte eine 24-köpfige Sonderkommission, ohne eine heiße Spur zu finden. Alle Spuren dieses Tatorts befinden sich jetzt in 40 Aktenordnern und in den Asservaten der Staatsanwaltschaft. 25 grauenvolle Minuten, objektiviert in Skizzen, Farbbildern und kleinteiligen Beschreibungen auf grauem Recyclingpapier, Informationen, konzentrisch angeordnet um eine halbnackte Frauenleiche auf einem Doppelbett. Die Fahnder der Mordkommission in Flensburg sind geduldig: Wo immer in Deutschland und in Europa eine Prostituierte gewaltsam ums Leben kommt - der Fall landet auf ihrem Schreibtisch. Weit mehr als 30 vergleichbare Tötungsdelikte bundesweit bis hin nach Tschechien wurden in den vergangenen Jahren auf die Handschrift aus der Flensburger Bahnhofstraße hin untersucht - bis jetzt war kein Treffer dabei. 2004 glaubten sich die Fahnder fast am Ziel: Ein Prostituierten-Mord in Wien, bei dem ein Verdächtiger festgenommen wurde, traf auf das Flensburger Muster zu. Als Bahn-Bediensteter passte der Mann in das Denkmodell des durchreisenden Täters - aber nicht zur Spur aus dem Appartement.


Der Fall "Anabel"

Am 3. März 1999 fanden Spaziergänger in einem Knick in Ivendorf bei Lübeck die fast völlig skelettierte Leiche einer Frau. Die Tote lag auf dem Erdboden und konnte erst zwei Jahre später, im September 2001, durch eine DNA-Analyse identifiziert werden. Es handelt sich um die zur Tatzeit 19 Jahre alte spanische Staatsangehörige Anabel Lopez-Malvar. Sie war in Hamburg geboren und aufgewachsen. Die Hintergründe der Tat sind bis heute nicht geklärt. "Die junge Frau, die seit ihrem zwölften Lebensjahr drogenabhängig war und der Prostitution nachging, hatte kaum noch Kontakt zu ihren Eltern. Deshalb hatten die sich erst fast ein Jahr nach ihrem Verschwinden an die Polizei gewandt", erklärte damals ein Polizeisprecher die Tatsache, dass die Identität der Toten so lange unbekannt blieb. Fakt ist: Anabel Lopez-Malvar hatte am 2. Juli 1998 einen Arzt aufgesucht, um sich die Ersatzdroge Methadon verschreiben zu lassen. Vier Tage später wurde sie von der Polizei am Hansaplatz in Hamburg- St. Georg kontrolliert, wo sie regelmäßig anschaffen ging. Danach wurde sie ermordet, ihre Leiche lag mindestens seit September 1998 in Lübeck.


Viele Taten bleiben unentdeckt

V iele andere Tötungsverbrechen dagegen bleiben ungelöst, weil sie überhaupt nicht entdeckt werden. Grund: Aus Überlastung oder Unkenntnis schalten immer weniger Ärzte bei ungeklärter Todesursache ihrer Haus-Patienten die Rechtsmedizin ein. Nur die Spezialisten können klären, ob Krankheit, Unfall oder Mord die wahre Todesursache war. In Lübeck und den meisten Landkreisen Schleswig-Holsteins aber bleibt ein "ungeklärter Tod" für immer ungeklärt, obwohl ein Mord unter zehn ungeklärten Todesursachen immer dabei ist - so ein Erfahrungswert der Rechtsmediziner. Gift, falsche Medikamente oder Injektionen lassen sich oft erst auf dem Seziertisch erkennen. So gibt es in Lübeck jedes Jahr 300 bis 400 ungeklärte Todesfälle. Das wären 30 bis 40 Morde in der Hansestadt.

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