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Gelbe Engel auf Werbe-Tour : Die Drücker-Kolonne vom ADAC

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Freiberufliche ADAC-Provisionskräfte werben in Fahrschulen Minderjährige für den Club-Beitritt an: Das Prinzip Gratis-Burger für eine ADAC-Mitgliedschaft alarmiert den Fahrlehrerverband.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2014 | 07:00 Uhr

Flensburg | Ein stinknormaler Theorie-Abend in einer stinknormalen Flensburger Fahrschule. Testbögen ausfüllen. Wissen abfragen. Nichts Aufregendes eigentlich. Doch dieses Mal ging’s nicht um die Straßenverkehrsordnung, nicht um Regelkunde, nicht um die Prüfung. Diesmal ging es um den ADAC, und einige Teilnehmer in der Runde regten sich am Ende tatsächlich ein wenig auf. Herr H. war gekommen, um den Jugendlichen Mitgliedschaften zu verticken. Er ist einer von fünf Freiberuflern, die in Fußgängerzonen und Fahrschulen landesweit für den ADAC als Werber im Einsatz sind. Auf Provisionsbasis, also erfolgsorientiert.

Tatjana Petersen (Name von der Redaktion geändert) war Tage danach noch stocksauer. Zunächst blockierte der ADAC-Mann eine Stunde, in der manch einer Besseres zu tun hatte, als sich mit dem Klub zu beschäftigen. Und was gegen Ende folgte, war für die Flensburgerin unterste Schublade . Sie fühlte sich an eine Drückerkolonne erinnert. Vom angesagten Klamottenladen bis zum Burger King – der Besucher habe mit einem Mal begonnen, von A bis Z über die tollen Gutscheine zu reden, die es für eine Mitgliedschaft gibt. Und als er fertig war, kamen die Mappen auf den Tisch. Mit Coupons, Vertrag und einem Original-ADAC-Kugelschreiber. „Das war nicht in Ordnung“, findet die Fahrschülerin. „85 Prozent der Schüler sind minderjährig. Und der größte Teil hat unterschrieben.“ Sie selbst bat darum, den Vertrag mit nach Hause nehmen zu können. „Ich wollte noch einmal drüber schlafen.“ Aber das wollte der Herr vom ADAC nicht, der jetzt recht unwirsch reagierte. „Da nahm er mir alles weg. Und den Kugelschreiber auch.“

Das ist Alltag in Flensburgs Fahrschulen, und im Landkreis auch, behauptet Tatjanas Fahrlehrer. „Die Fahrschüler tragen überhaupt kein Risiko. Bei Minderjährigen kommt ein Vertrag nur zu Stande, wenn auch die Eltern unterzeichnen. Und wenn sich Volljährige das anders überlegen, kann man nach drei, vier Wochen noch problemlos zurücktreten.“ Ganz anders sieht das Michael Frank, stellvertretender Vorsitzender des Fahrlehrerverbands in Schleswig-Holstein. Zwar werde seit einigen Jahren von Seiten des ADAC verstärkt in Fahrschulen geworben. „Aber es ist absolut nicht normal, wenn Werber direkt in den Fahrschul-Unterricht kommen“, sagt der Kieler Fahrschul-Inhaber. „Ich habe denen gesagt, sie können gern während der Bürozeiten kommen und Werbematerial da lassen, aber aktive Eingriffe im Unterricht – das läuft nicht.“ Dies werde auch im Verband so kommuniziert. Laut Fahrlehrer-Verordnung dürfe ausschließlich der Fahrlehrer den Unterricht gestalten, „der Auftritt externer Leute ist nicht vorgesehen“. Bei manchen Fahrschulen ist der Club der gefallenen Engel grundsätzlich draußen. Bei Hans-Georg Malaschewski seit ungefähr zehn Jahren. „Als der ADAC-Mitarbeiter begann, meinen Schülern Verträge aufzuschwatzen, war Schluss. Das läuft nicht.“ Damit liegt der Flensburger auf einer Linie mit Christine Hannemann von der Verbraucherzentrale. „Ich bin entsetzt!“ sagt sie. Bei Verträgen mit Minderjährigen sei das Widerrufsrecht in der Tat eindeutig, schwieriger werde es bei Volljährigen. Die gesetzliche Widerspruchsfrist könnte unterlaufen werden, weil die Unterschrift keinen Kauf, sondern einen Vereinseintritt dokumentiere. „Ich würd’s drauf ankommen lassen“, sagt Hannemann. „Der ADAC tritt wie ein Unternehmen auf. Und angesichts der aktuell schlechten Schlagzeilen dürfte da kaum einer Interesse an weiterer Publicity haben.“

ADAC-Landesverbandssprecher Ulf Evert verteidigt den Einsatz als „rechtlich einwandfrei“. Die Mitgliedschaft sei im ersten Jahr ja kostenlos. Dass die Verträge nach einem Jahr und nicht eingehaltener Kündigungsfrist automatisch und dann kostenpflichtig verlängert werden, stellt für ihn kein Problem dar. „Die Eltern bekommen zu Vertragsbeginn sowie vor der Verlängerung von uns einen Brief mit allen Informationen.“

Der Erfolg gibt den fünf Freiberuflern jedenfalls Recht: In dem fraglichen Theoriekurs unterschrieben nach Everts Angaben von 22 Fahrschülern 17 den Mitgliedsvertrag. Das war allerdings vor dem Skandal.

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