"Die Bahn bringt uns zur Strecke"

23-50893389.jpg
1 von 2

Avatar_shz von
31. Januar 2013, 01:14 Uhr

Sierksdorf | Sie haben die Augen lange verschlossen gehalten - mit den Ohren wird das nicht möglich sein, wenn der Lärm kommt. Nun wollen auch an der Lübecker Bucht Bürger die Pläne für die Hinterlandanbindung der festen Fehmarnbelt-Querung kippen.

Timmendorfer Strand, Scharbeutz, Haffkrug und Sierksdorf gehören zu den beliebtesten Badeorten an der Lübecker Bucht. Noch zuckelt nur die Regionalbahn durch die Seebäder, doch mit der neuen Querung werden die Güterzüge kommen: 78 jeden Tag, 835 Meter lang und 120 Stundenkilometer schnell. "Die Bahn bringt uns zur Strecke", sagt Udo Hahn (66) aus Scharbeutz. "Für den Tourismus ist das der Todesstoß." Seine Bürgerinitiative mit dem leicht sperrigen Namen "Kein Güterbahnverkehr durch die Badeorte der Lübecker Bucht" hat bereits 960 Mitglieder und täglich werden es mehr. "Die Leute haben die Gefahr erkannt und begriffen, dass sie jetzt kämpfen müssen."

Elf Bürgerinitiativen von Lübeck bis Fehmarn gegen das Projekt gibt es schon. "Wir sind spät dran mit unserem Widerstand", gibt Hahn zu. "Deshalb wollen wir härter arbeiten." Was die Anwohner der Lübecker Bucht wütend macht, ist der Plan der Bahn, die alten Gleise durch ihre Orte zur internationalen Güterbahntrasse auszubauen. "Das widerspricht jeglicher Vernunft, ist aber natürlich günstiger als ein Neubau", erklärt Hahn. Der parteilose Bürgermeister von Scharbeutz und Chef des Tourismusverbands Ostsee-Holstein, Volker Owe rien, sagt: "Fast alle Bürgermeister wollen einen Trassenneubau außerhalb der Ortskerne." Jenseits der Autobahn 1 soll er verlaufen. Und am liebsten wäre ihm und seinen Kollegen, wenn nur der Güter- und Fernverkehr auf die neue Trasse ausgelagert werden würde - und der Nahverkehr auf der alten Strecke bliebe.

Die Ziele sind damit gesteckt, nun soll Druck gemacht werden. Die neue Bürgerinitiative hat sich dazu das Lärmgutachten der Bahn vorgeknöpft. Im Saal der Sierksdorfer Tourist-Information stellte sie es Dienstagabend vor. Die Bürger drängten sich, am Ende gab es nur noch Stehplätze. "Es wurde schöngerechnet", sagt Martin Kauder (46). Der Lehrer für Hörgeräte-Akustiker hat hunderte Gutachtenseiten durchgeackert, entlarvt in seinem Vortrag die Tricks der Bahn, mit denen die Lärmgrenzwerte eingehalten werden.

Dazu zählt der Mittelwert-Trick. "Vier Züge in der Stunde machen zwei Minuten Lärm, aber 58 Minuten lang ist Ruhe. Die Bahn berechnet daraus einen Mittelwertpegel", sagt Kauder. "Die Pegelspitzen, die bei 95 Dezibel liegen, werden so gekappt." Zweiter Trick: der Schienenbonus. "Bahnen sollen von der Empfindung fünf Dezibel leiser wahrgenommen als Straßenverkehr. Die Zahl wird natürlich abgezogen." Trick drei: Die Autobahn wird vergessen. "Der Lärm kommt ja noch dazu, das wird bei den Plänen zum Umbau der jetzigen Trasse aber gar nicht berücksichtigt." Kauder warnt: "Auch die Tatsache, dass hier an der Küste der Wind den Schall trägt, wird vollkommen ignoriert."

Sein Fazit: Die Berechnungen der Bahn entsprechen nicht dem Stand der Wissenschaft, der Lärm werde die Orte nahezu vollständig betreffen. Und neueste Studien belegten, dass Bahnlärm zwischen 18 und 22 Uhr deutlich störender wahrgenommen werde als Straßenlärm. "Tatsächlich gibt es einen Schienenmalus von 16 Dezibel." In der Nacht würden Bürger und Touristen kaum noch Ruhe finden. "Das Ohr nimmt den heranrauschenden Güterzug auch im Schlaf wahr. Selbst, wenn Sie nicht aufwachen, werden Sie am nächsten Morgen gerädert sein, denn der starke Pegelanstieg setzt Stresshormone frei."

Aus dem Plenum der Bürger werden weitere Kritikpunkte angesprochen: Der Baulärm bis 2025, der Bremslärm des geplanten Ausweichgleises, der Feinstaub der Bremsen und der Lärm der Wartung, da stark belastete Schienen regelmäßig mit Gleisstopfmaschinen nivelliert werden müssten. "Wir sollten die Hamburger mit ins Boot holen", schlägt ein Bürger vor. "Die Güterzüge fahren ja über Rahlstedt bis Maschen durch."

"Ich bin überwältigt von der Resonanz", sagt Udo Hahn am Ende der Veranstaltung. "Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass die geplante Trasse die Region zerstört, Touristen abschrecken wird, die Gesundheit gefährdet und Immobilien an Wert verlieren lässt. Doch noch können wir der Bahn und Verkehrsminister Ramsauer unseren Standpunkt klarmachen."

Zum Raumordnungsverfahren, das am 11. Februar beginnt, wollen alle zwölf Bürgerinitiativen Entwürfe für Widerspruchsschreiben bereit halten. Bodo Gehrke von der Initiative "Holstein ohne Beltquerung" sagt: "Wir Bürger haben sogar die Chance, eine komplette Raumunverträglichkeit für alle Trassenvarianten zu erreichen." Udo Hahn glaubt das nicht, ist sich aber sicher: "Die Bahn wird die billigste Variante anbieten. Wir müssen die Politik dazu bewegen, das zu korrigieren. Dafür kämpfen wir."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen