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Vergabe der WM 2006 : DFB-Skandal: Fußballverband in SH fordert Ende der Kungelei

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Sommermärchen geht düster weiter: Der Fußballverband in SH fordert Aufklärung im WM-Skandal – und will Informationen über den Verbleib von 6,7 Millionen Euro.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2015 | 19:24 Uhr

Kiel | Der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) hat den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zur rigorosen und schnellen Aufklärung der Vorgänge um die angeblich gekaufte Weltmeisterschaft 2006 aufgefordert. Es geht dem Verband um nähere Informationen über den Verbleib der 6,7 Millionen Euro, die angeblich in ein Kulturprogramm des Weltfußballverbandes Fifa geflossen sein sollen. Dies bestätigte SHFV-Präsident Hans-Ludwig Meyer, der außerdem beim DFB seit 2013 die Revisionsstelle leitet, gegenüber shz.de.

Für den WM-Zuschlag soll nach einem unbestätigten „Spiegel“-Bericht Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sein. Der frühere Adidas-Chef Robert-Louis Dreyfus soll diese Summe aus seinem Privatvermögen zur Verfügung gestellt haben. Das Geld könnte laut „Spiegel“ dazu eingesetzt worden sein, um die Stimmen von vier asiatischen Mitgliedern des FIFA-Exekutivkomitees zu gewinnen. Eineinhalb Jahre vor der WM soll Dreyfus das Geld zurückgefordert und über ein FIFA-Konto auch erhalten haben.

Nach Meyers Einschätzung kommen die Informationen, mit denen das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den DFB anprangert, aus Kreisen der Fifa und von Theo Zwanziger, dem Vorgänger von Niersbach. Meyer bezeichnet die Fifa als ein Konglomerat von „Menschen, Mächten und Moneten“.

Der SHFV-Präsident hatte am Montag an einer Sondersitzung der DFB-Führungsgremien in der Frankfurter Verbandszentrale teilgenommen. Die Sitzung sei von einer „niedergeschlagenen Stimmung“ geprägt gewesen. Obwohl Meyer dem angeschlagenen DFB-Präsidenten in einem persönlichen Brief sein „uneingeschränktes Vertrauen“ ausgesprochen hat, kreidet er Niersbach einige Verfahrensfehler an. Wolfgang Niersbach hätte vor einem halben Jahr, als er nach seinen eigenen Angaben auf einem Treffen in Salzburg von den Vorgängen um die Millionenzahlung erfahren habe, „auf das Präsidium zugehen müssen“. Das hat Niersbach aber nicht getan. Der DFB-Präsident hat den Landesverbänden versichert, nichts von der Zahlung gewusst zu haben. Dagegen sprechen nach Spiegel-Recherchen handschriftliche Bemerkungen auf Unterlagen aus dem Jahr 2005. Daran könne er sich nicht erinnern, sagte Niersbach den Delegierten in Frankfurt.

Der Kieler Funktionär kritisiert auch die Nähe zwischen dem DFB und Top-Sponsor Adidas. Niersbach und Adidas-Chef Herbert Hainer gelten als enge Freunde. US-Wettbewerber Nike hat dem DFB mehrfach höhere Angebote unterbreitet, den Zuschlag erhielt jedoch immer Adidas. Dies werde sich ändern, kündigte Meyer an. Es gebe beim DFB entsprechende Signale.

Kommentar von Jürgen Muhl: Die Basis traut dem DFB nicht mehr

 

Wehe dem, der die Regeln nicht einhält. Für Vergehen auf dem Spielfeld werden Sperren ausgesprochen. Wenn Vereine ihre Fans nicht im Griff haben, hagelt es Strafgelder. Und wenn der Zustand der Sportanlage eines Fünftligisten nicht den strengen Vorgaben entspricht, darf er in dieser Liga, in der mehr gekickt als Fußball gespielt wird, seine Visitenkarte nicht abgeben. Der Deutsche Fußball-Bund und seine Landesverbände treten als oberste Instanz dieser Sportart in der Regel unnachgiebig, streng und häufig auch überheblich auf.

Was bei vielen im Ehrenamt tätigen Funktionären, Übungsleitern und aktiven Fußballern, die ihr Adidas-Schuhwerk teuer bezahlen, übel aufstößt. Jener Sportartikelhersteller, der dem DFB Millionen auf Millionen in die Kasse spült. Ja, der oberste Fußballverband kungelt seit Jahrzehnten mit der Marke mit den drei Riemen. Selbst höhere Angebote von Konkurrent Nike wurden ignoriert. Als der DFB vor Jahren kurz vor einem Vertrag mit den Amerikanern stand, drohte Bayern München, keine Nationalspieler mehr an die DFB-Auswahl abzustellen. Ist doch Adidas Anteilseigner beim FC Bayern. Der DFB und der Rekordmeister kungeln also auch.

Viel spricht dafür, dass die WM 2006 nicht ohne Kungelei an Land gezogen worden ist. Wo kamen die 6,7 Millionen Euro her, die der DFB an die Fifa angeblich für ein Kulturprogramm überwies? Die Kulturnummer fiel aus. Warum wurde diese Summe nicht zurückgefordert? Der DFB schweigt. Stattdessen suchen Niersbach und Co. nach der undichten Stelle. Blatter, Zwanziger? Es wird mit Klage gedroht. Als Verbündeter kommt die Bild-Zeitung daher. Will sie doch das Fell ihres Promi-Kolumnisten Beckenbauer retten.

Beim DFB brennt es, an der Basis  brodelt es. Jener Amateur-Fußball, der dem DFB die Luft zum Atmen gibt. Der Schleswig-Holsteinische Fußballverband fordert eine rigorose Aufklärung. Präsident Meyer spricht Niersbach auf sein Fehlverhalten an. Zumindest das ist keine Kungelei.

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