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Als Flüchtling in Schleswig-Holstein : „Deutschland ist das beste Land“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schleswig-Holstein wird 168 Bürgerkriegsflüchtlinge aufnehmen. Doch der Weg hierher ist nicht einfach. Darüber berichtet der Syrer Ibrahim Alhemesh.

Die Anträge sind gestellt, jetzt kann er nur noch hoffen. „Wäre toll, wenn mein Bruder bald bei mir wäre“, sagt Ibrahim Alhemesh. Er ist einer der ersten Flüchtlinge in Schleswig-Holstein, der von den neuen Plänen von Innenminister Andreas Breitner (SPD) profitieren könnte. Denn nach einem neuen Verteilungsschlüssel wird das Land 168 Bürgerkriegsflüchtlinge aufnehmen. Breitner hat nun alle in Schleswig-Holstein lebende Syrer aufgerufen, sich bei ihrer Ausländerbehörde zu melden, wenn sie Verwandte aus Syrien nachholen wollen. Ibrahim Alhemeshs Bruder ist aus Syrien geflohen, weil er zur Armee einberufen werden sollte. Der Student ging in die Türkei, dort sitzt er seit Monaten fest – ohne Perspektiven, sagt sein Bruder. „Kein Job, kein Geld, keine Krankenversicherung.“ Deshalb will er den 22-Jährigen nach Deutschland nachholen.

Wie ihm geht es vielen Flüchtlingen. Noch hat das Innenministerium von den Ausländerämtern keine Zahlen, „aber es ist schon jetzt erkennbar, dass die Möglichkeiten der Aufnahmeregelung sehr gut angenommen werden“, sagt Sprecher Thomas Giebeler. Der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein begrüßt die Regelung, kritisiert aber, dass die bürokratischen Hürden immer noch zu hoch sind, weil die Flüchtlinge hier diverse Papiere der Verwandten vorlegen müssten. Immer mehr Flüchtlinge kommen in den Norden. Im vergangenen Jahr nahm Schleswig-Holstein 3700 auf, 2012 waren es nur 2277. Viele Kommunen haben keine Kapazitäten mehr, die Wohnungen werden knapp. In einigen Städten werden bereits Container aufgestellt.

Und für Flüchtlinge, die wie Ibrahim Alhemesh geduldet sind, und wie er eine Zweizimmerwohnung in Neumünster bewohnen, sind die Probleme damit nicht gelöst. Denn vielen Flüchtlingen fehlt eine dauerhafte Perspektive. Dabei fordert die Politik das. Wie etwa Torsten Albig: „Chancen eröffnen müssen wir für all jene, die aus europäischen Nachbarländern oder als Flüchtlinge zu uns kommen. Es gibt einfach zu viele hochqualifizierte Einwanderer, die keine fachliche Anerkennung auf unserem zertifikatgeprägten Arbeitsmarkt haben. Sie alle können ein wertvoller, bereichernder Teil unserer Arbeitsgesellschaft sein.“ Es sei wichtig, den Einwanderern zu signalisieren, dass sie nicht als Bittsteller und Hungerlöhner verstanden werden.

Doch wie schwer Integration sein kann, zeigt das Beispiel von Ibrahim Alhemesh. Der 32-Jährige hat keine Heimat, sagt er in erstaunlich gutem Deutsch. In vielen arabischen Ländern hat er schon gelebt und gearbeitet, am längsten in Saudi-Arabien und dem Irak. Zuletzt war er Logistikmanager für den Einkauf einer internationalen Firma, die Fahrbahnmarkierungen in Dubai herstellt, erzählt er und legt gleich jede Menge Papiere auf seinen kleinen Wohnzimmertisch – darunter auch ein Kündigung. „Meine Firma hat mir nach vier Jahren gesagt, dass sie mich nicht mehr braucht“, sagt er. 30 Tage habe er danach Zeit gehabt, sich einen neuen Job in Dubai zu suchen, danach hätte er nach Syrien fahren müssen – das Land seiner Eltern, dessen Pass er besitzt, in dem er aber noch nie gewesen sei. „Die hätten mich vom Flughafen abgeholt und gleich in die Armee gesteckt“, sagt Alhemesh. „Ich hätte Leute umbringen sollen – das wollte ich nicht.“ Er entschließt sich zur Flucht, zunächst in die Türkei, von dort aus weiter nach Schleswig-Holstein. „Deutschland ist das beste Land“, sagt er heute. Er hat ein bisschen gelesen darüber, im Nahen Osten genieße Deutschland ein hohes Ansehen. Doch als er nach seiner sechstägigen Flucht im April 2012 eintrifft, kennt er kaum einen Menschen, er spricht die Sprache nicht. Alhemesh geht den Weg zu den Behörden, ergattert einen Sprachkursus. Integration – das lebt Ibrahim Alhemesh bis heute. Er spielt Basketball, sucht sich deutsche Freunde, seit ein paar Monaten hat er sogar eine deutsche Freundin, die er bei einem Praktikum in einem Museum in Neumünster kennengelernt hat. Alhemesh macht Fortbildungen, will, dass seine Zeugnisse anerkannt werden, schreibt Bewerbungen – ohne Erfolg.

Den Frust vieler Asylbewerber in Deutschland kann er verstehen. Alhemesh will es sich nicht mit der Ausländerbehörde verscherzen, aber er sagt Sätze wie: „Manche Mitarbeiter verstehen uns und unsere Lage einfach nicht und geben uns nicht das Gefühl, wie Menschen in extremer Not und schwieriger Situation behandelt zu werden.“ Alhemesh erzählt von Asylbewerbern, die wegen vieler Schwierigkeiten mit den Behörden die Integration verweigern. „Sie wollen kein Deutsch mehr lernen, weil sie nicht glauben, dass es ihnen weiter hilft. Viele arbeiten lieber schwarz, ein Iraker kriegt einen Job bei einem Iraker, ein Syrer bei einem Syrer – so geht das.“

Alhemesh ist dieser Weg zu leicht. Er will reguläre Arbeit. Wie die meisten Asylbewerber bekommt er erst ein Jahr nach seiner Ankunft eine Arbeitserlaubnis – doch einen Job hat er bis heute noch nicht. Jetzt darf er eine Prüfung als Handelsfachwirt machen, doch er hat Angst, dass seine Deutschkenntnisse dafür noch nicht reichen. Facharbeiter wie er werden in Deutschland eigentlich gesucht, doch Alhemesh lebt von Hartz IV. „Ich verstehe die Leute, wenn die sagen, der lebt von unserem Geld. Aber was soll ich machen, wenn mir keiner Arbeit gibt?“ Und ohne Geld konnte er seinen Bruder bisher nicht nach Schleswig-Holstein holen, denn bislang mussten die Angehörigen nachweisen, dass sie den Lebensunterhalt ihrer Verwandten bestreiten können. Das fällt nun weg. Und so hofft Alhemesh auf eine Perspektive für sich und seinen Bruder. Und muss darauf vertrauen, dass die Integration wirklich funktioniert.

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