Der schwierige Nachbar

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09. Februar 2013, 01:14 Uhr

Emmelsbüll-Horsbüll/ Galmsbüll/Kiel | Sie wollten dem Lärm der Rhein-Main-Region entfliehen, ihre neue Lebensphase in Ruhe und Frieden am Gotteskoogdeich in Nordfriesland genießen. Anette und Peter Rau aus Roßdorf bei Darmstadt haben im Sommer 2010 ein historisches Haus auf der Binnendeichkrone am Rande der Gemeinde Emmelsbüll-Horsbüll gekauft und dieses aufwändig herausgeputzt. Doch jetzt sehen der 51-jährige Ingenieur eines Telefonkonzerns und die 44-jährige Baumschulgärtnerin die gewählte Idylle bedroht. Sechs neue Windkraftanlagen sind auf den Äckern südlich des Hauses geplant - eine der knapp 150 Meter hohen Mühlen soll auf gut 500 Meter an das Haus des Ehepaares heranrücken. "Das war ein Schock", berichtet Peter Rau. Ohnehin bereits von Windanlagen im Umkreis von einem Kilometer fast umzingelt, haben beide Furcht vor dem Lärm der Anlagen und Sorge um die Gesundheit.

Die Windräder sind auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Galmsbüll geplant, deren Gebiet südlich des Gartens des Ehepaares Rau beginnt. "Rein zufällig haben wir davon erfahren." Gleichsam überrumpelt kommen sich die beiden vor. Ursprünglich sei die "Windeignungsfläche 47" anders zugeschnitten gewesen, nämlich weiter südlich und damit weiter von ihrem Haus entfernt. Dieser Zuschnitt, der nur wenige große und einige mehr kleine Windmühlen ermöglicht hätte, sei auch Gegenstand einer zweiten Bürgeranhörung gewesen. Bereits gegen diese Fläche hatten Anette und Peter Rau Bedenken geäußert, "doch der Abstand dieser Fläche zu uns hätte wenigstens noch 600 Meter betragen".

Plötzlich jedoch hätten die Planer der Landesregierung die Eignungsfläche von sich aus leicht vergrößert und weiter gen Norden - und damit an das Haus der Raus heran - verlegt, womit gleich sechs neue, große Windkraftanlagen dort errichtet werden können. Dieser Zuschnitt sei Mitte Dezember von der Landesregierung beschlossen worden. Eine Anhörung oder Abstimmung zur neuerlichen Verlegung habe es nicht mehr gegeben, bestätigt Galmsbülls Bürgermeister Norbert Rühmann. Musste auch nicht, meint dazu Jess Jessen, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft "Bürgerwindpark Galmsbüll". Denn lange zuvor hätten die Einwohner der Gemeinde sich mehrheitlich für eine sogar deutlich größere Windeignungsfläche ausgesprochen.

Dies bestätigt die zuständige Staatskanzlei der Landesregierung in Kiel. "Die Landesplanung hat auf der Basis der eingegangenen Stellungnahmen und der Fachbeteiligungen hier eine eigene Ermessensentscheidung treffen können", teilt Vize-Regierungssprecher Lars Bethge mit. Die "leichte Vergrößerung" bleibe immer noch hinter dem ursprünglichen Flächenwunsch der Gemeinde zurück, der noch weiter nach Norden gegangen sei. "Wir hätten uns durchaus einen größeren Zuschnitt gewünscht", sagt dazu Jessen. 240 der 650 Einwohner in Galmsbüll seien derzeit am 22 Mühlen umfassenden Windpark mit insgesamt 60 Megawatt beteiligt, künftig sollen es 28 Mühlen mit knapp 80 Megawatt und 350 bis 400 Beteiligten sein.

Den Windmüllern gegenüber fühlt die das Ehepaar Rau machtlos. Bereits jetzt blicken beide auf sieben rund 130 Meter hohe Windräder im Süden. "Die gab es schon, als wir hierher kamen", räumt Peter Rau ein. "Da jedoch diese Mühlen 900 Meter und mehr entfernt sind, haben wir uns damit gedanklich arrangiert." Dennoch: Neben Schlagschatten im Winter seien bereits jetzt deutliche Geräusche "bis hin zu einem stundenlangen Wummern im Haus" zu hören. Wenn nun die Flügel der sechs noch leistungsfähigeren und größeren Windräder sich zusätzlich drehen - optisch und akustisch deutlich dichter -, dann werde alles noch schlimmer, fürchtet das Ehepaar Rau. Bis auf 400 Meter dürfen Windkraftanlagen unter 150 Meter Höhe hierzulande nach dem jüngsten gemeinsamen Runderlass (März 2011) der Ministerien des Innern, der Wirtschaft sowie der Umwelt an Einzelhäuser und Splittersiedlungen im Außenbereich herangebaut werden. Zuvor - nach einem Runderlass von 1995 - habe für eine gleichgroße Anlage ein Mindestabstand von 750 Meter gegolten.

Die neuen Abstandsregelungen zu Wohnbebauung im Außenbereich "entsprechen in der Regel den immissionsschutzrechtlich erforderlichen Abständen", sagt dazu der stellvertretende Regierungssprecher. Die Abstände könnten im Einzelfall auch größer sein, was im Genehmigungsverfahren zu klären wäre, so Bethge weiter. Grundsätzlich seien im Außenbereich nach dem Baurecht neben der Windenergie auch andere Nutzungen der Landwirtschaft, aber auch Biomasseanlagen, Klärwerke oder Infrastruktur zur Stromversorgung "privilegiert zulässig". Im Außenbereich Wohnende müssten daher diese Nutzungen "nach den Grundsätzen der gegenseitigen Rücksichtnahme tolerieren". Nach aktueller Rechtsprechung werde bei Windkraftanlagen ein "Rücksichtnahme-Abstand" vom dreifachen der Gesamthöhe empfohlen. Die zulässigen Abstände sind dem Ehepaar Rau grundsätzlich zu dicht.

Ihre Furcht vor Gesundheitsschäden durch tieffrequenten oder unhörbar tiefen Schall (Infraschall) ist nicht unbegründet. "Die Betroffenen spüren einen Ohrendruck und klagen vielfach über Unsicherheits- und Angstgefühle. Als spezielle Wirkung ist bei Infraschall eine Herabsetzung der Atemfrequenz bekannt", heißt es unter anderem in einer Erläuterung des Umweltbundesamtes zur DIN 45680 - der Messung und Beurteilung tieffrequenter Geräuschimmissionen. Diese DIN ist Teil der "Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm" (TA Lärm). Ein Zusammenhang von Windkraftanlagen und tieffrequentem Schall wird hierin aber noch nicht unmittelbar in den Zusammenhang gebracht. "Das stimmt, die DIN 45680 entspricht nicht dem heutigen technischen Stand und muss weiterentwickelt werden", sagt Thomas Myck, Fachgebietsleiter beim Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. "Tieffrequenter Schall geht allerdings nicht nur von Windkraftanlagen, sondern auch vielen anderen Industrieanlagen, von Pumpen, Transformatoren oder Hochspannungsleitungen aus."

Galmsbülls Bürgerwindpark-Geschäftsführer Jess Jessen führt jedoch eine Langzeit-Geräuschimmissionsmessung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt an. Die wurde in den Jahren 1998 bis 1999 an einer 1-Megawatt- Windkraftanlage vorgenommen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass "die im Infraschallbereich liegenden Schallemissionen der Windkraftanlage weit unter der Wahrnehmungsschwelle des Menschen liegen und daher zu keinen Belästigungen führen". Die bayerischen Landesämter für Umwelt und für Gesundheit merken dazu in einer "UmweltWissen"-Schrift überdies an, dass bereits mehrere Gerichte sich mit dem Thema Infraschall beschäftigt hätten. Und dass das Verwaltungsgericht Würzburg im Jahr 2011 festgestellt habe, dass "hinreichende wissenschaftlich begründete Hinweise auf eine beeinträchtigende Wirkung der von Windkraftanlagen hervorgerufenen Infraschallimmissionen auf den Menschen bisher nicht vorliegen".

Tatsächlich sind die Wirkungen von lang andauernder Exposition gegenüber tieffrequentem Schall mit niedrigem Pegel noch weniger erforscht. Das Umweltbundesamt habe daher im Jahr 2011 eine Machbarkeits-Studie in Auftrag gegeben, die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigt, berichtet Umweltbundesamts-Fachgebietsleiter Thomas Myck. "Wir wollen der Beunruhigung der Bürger sachgerecht entgegentreten." Das Ergebnis werde im kommenden Jahr erwartet. Auch wenn bis dahin noch Zeit ins Land geht, "tieffrequenter Schall ist ein wichtiges, großes Problem", sagt der Experte beim Umweltbundesamt bereits jetzt. Und wie bei allen Industrieobjekten gebe es auch bei Windkraftanlagen noch "viel Optimierungsbedarf", um die Lärmbelastung abzusenken. Aber genau deshalb - wegen der vom Bundesamt in Auftrag gegebenen Machbarkeits studie - wolle "die Windkraftlobby ihre Planungen jetzt ganz schnell durchpeitschen", glaubt Frank Jurkat, Vorsitzender des Vereins "Gegenwind Schleswig-Holstein". Wegen Windkraftlärms habe er selbst seinen Wohnort Schiphorst im Kreis Herzogtum-Lauenburg verlassen und lebe jetzt in Reinfeld (Kreis Stormarn). Obwohl die Windkraftanlagen 750 Meter entfernt waren, sei er nachts mit beklemmenden Gefühlen aufgewacht. "Dies sind Auswirkungen von Luftdruckänderungen durch tieffrequentem Schall", sagt Jurkat. Jeder könne dies beim Umweltbundesamt nachlesen. Vielen Bürgern, die nahe von Windkraftanlagen leben, gehe es ähnlich, meint Jurkat.

Grundsätzlich scheint das nördlichste Bundesland bei der Windkraft tief gespalten zu sein. "Es gibt viele Befürworter und viele Profiteure", räumt zwar auch der Gegenwind-Vorsitzende Jurkat ein. "Aber gleichzeitig gibt es mehr als 75 Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen im Land." Manchmal ist es nur eine einzige Anlage, die für Aufregung sorgt. So im Marienkoog, ein Flecken von Galmsbüll, wo 20 Jahre lang sieben Windkraftanlagen sich mit einem Schalldruckpegel von 105 Dezibel drehten. "Diese Anlagen hatten nie jemanden nennenswert gestört", berichtet Bürgerwindpark-Geschäftsführer Jessen. Dann aber sei eine achte Anlage hinzugekommen. Dieser Prototyp habe ebenso wie die anderen Anlagen im genehmigten Geräuschbereich gelegen, war aber mit 108 Dezibel lauter, so Jess weiter. "Da hagelte es plötzlich Beschwerden", berichtet auch Galmsbülls Bürgermeister Rühmann. "Es sind zwar nur drei Dezibel mehr, aber dieser Wert bedeutet eine Verdoppelung des Schalldrucks", erklärt Jessen.

Um zudem noch mehr über die Ausbreitung des Schalls bei Windkraftanlagen zu erfahren, habe die Betreibergesellschaft sich mit dem Landesumweltamt als Genehmigungsbehörde darauf geeinigt, auf eigene Kosten "bei einem kritischen Betroffenen in Kürze eine Dauermessstation für 7000 Euro einzurichten", sagt Jessen weiter. Natürlich sei er daran interessiert, "dass möglichst viele Bürger bei der Energiewende und damit bei der Windkraft mitgenommen werden".

Das zugezogene Ehepaar fühlt sich hingegen stehen gelassen. Für rund 100 000 Euro haben Anette und Peter Rau nach eigenen Angaben das Haus am Gotteskoogdeich gekauft - und 60 000 Euro noch einmal für die Modernisierung hineingesteckt. Würden sie jetzt verkaufen, müssten sie mit einem erheblichen Wertverlust rechnen, sagt Peter Rau. "Es ist unbestritten, dass je nach Wind- und Himmelsrichtung Windkraftanlagen den Wert einer Wohnimmobilie mindern", bestätigt Alexander Blazek, Rechtsanwalt und Verbandsdirektor von Haus & Grund Schleswig-Holstein in Kiel. Mit der Planung für die Energiewende häuften sich diese Fälle im Land, die Einbußen lägen bei 15 bis 30 Prozent. Blazek sagt: "Wer von einer Planung Wind bekommt, kann gegen die Baugenehmigung Widerspruch einlegen."

Dies hatten die Raus getan - ohne Erfolg. Dabei wollten sie eigentlich nur ihre Ruhe haben. "Statt die Gegend hier attraktiv zu machen, wird alles nur noch für den Profit gemacht", empört sich Anette Rau. Aus ihrer Sicht wird der Reiz der Landschaft mehr und mehr zerstört. "Alternative Energie ist wichtig", sagt das Ehepaar. "Aber wenn Alternative Energie so nah rankommt, dass man hier nicht mehr leben kann, dann hört der Spaß auf."

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