Der Mörder saß im gleichen Bus

<strong>Den Weg gibt es heute noch:</strong> Ausriss aus dem Artikel unserer Zeitung aus dem Jahr 1970 nach dem schrecklichen Sexualmord.
Den Weg gibt es heute noch: Ausriss aus dem Artikel unserer Zeitung aus dem Jahr 1970 nach dem schrecklichen Sexualmord.

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05. Januar 2013, 01:14 Uhr

Flensburg | E s war der älteste nicht aufgeklärte Mordfall in den Aktenschränken der Flensburger Kripo. Eine 20-jährige Verkäuferin aus Flensburg-Weiche war am 6. Januar 1970 unweit ihres Elternhauses sexuell missbraucht, ausgeraubt und ermordet worden. Den Flensburger Kriminalbeamten Frank Reisch ließ der Fall nicht los; 2011 knöpfte er sich die Akten wieder vor, Ende 2012 konnte der Täter zwar überführt, aber nicht mehr belangt werden: Er war im Juli 2012 eines natürlichen Todes gestorben.

Frank Reisch war erst drei Jahre alt, als die 20-jährige Renate N. an jenem Mittwoch im Januar um 22 Uhr mit dem Bus aus der Innenstadt in den Stadtteil Weiche fuhr und nahe des dortigen Bahnhofs ausstieg. Sie ging dann den kleinen Weg "Längs der Bahn" zu ihrem Zuhause. Den Weg gibt es heute noch.

Auf dem schmalen dunklen Weg, so hat die Polizei damals ermittelt, ist die junge Frau überfallen und getötet worden. Sie hatte schwere Kopfverletzungen, die Obduktion ergab dann, dass sie mit ihrem eigenen Schal erdrosselt wurde. Die Kripo stand damals vor einer schweren Aufgabe. Es gab keine Zeugen und kaum verwertbare Spuren am Tatort. Der Kreis der in Frage kommenden Tatverdächtigen war riesengroß. "Es gab damals fast 5000 Soldaten in der nahegelegenen Briesen-Kaserne", berichtet Reisch, "die wurden alle per Fragebogen befragt." Aufgrund vieler Hinweise und Ausschlusskriterien konnte man den Kreis auf mehrere Hundert eingrenzen. Doch es reichte nicht für eine Überführung, es gab kein Geständnis.

Viele aus dem Kreis der möglichen Täter sind über die Jahre und Jahrzehnte gestorben. Reisch begann im Juli 2011, als die Alltagsroutine ihm die Zeit dazu ließ, die alten Akten zu überprüfen und konnte den Kreis auf etwa 70 Personen eingrenzen. Die Hoffnung war, über den Abgleich der DNA den Täter doch noch zu finden. Man begann, die heutigen Adressen der 70 herauszufinden, sie aufzusuchen und von ihnen auf freiwilliger Basis Abstriche der Mundschleimhaut zu nehmen. Dann waren die Experten des Landeskriminalamtes dran und begannen, die DNA der 70 mit jener der Partikel, die am Opfer oder am Fundort der Leiche ge funden worden waren zu vergleichen. Und Frank Reisch musste warten.

Schließlich vermeldeten die LKA-Kollegen einen Treffer. Doch damit war der Täter von 1970 noch keinesfalls überführt, weil Spuren immer auch irgendwie anders als durch eine Gewalttat an das Opfer gelangt sein kön nten. Wieder nahm sich Reisch die Akten vor - und wurde fündig. Der Täter, ein damals 20 Jahre alter Soldat aus der Briesen-Kaserne, hatte Angaben zu dem Bus gemacht, mit dem er aus der Innenstadt in die Kaserne gefahren sein wollte. Aufgrund der Ankunftszeit in der Kaserne, die routinemäßig notiert wurde, konnte Reisch nachweisen, dass er nicht mit diesem Bus, s ondern mit dem Bus, in dem das Opfer saß, nach Weiche gefahren sein muss. Er konnte den Mann, der bis zu seinem Tod in der Nähe von Flensburg gelebt hat, nicht mehr mit diesen Erkenntnissen konfrontieren.

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