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Der Mann, der den Weltkrieg verhindern wollte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im August 1939 deutete vieles auf einen neuen Weltkrieg hin – in Nordfriesland wurde ein Versuch unternommen, die Katastrophe abzuwenden

Siebter August 1939: In der nordfriesischen Kleinstadt Bredstedt verbreitet sich am Morgen in Windeseile die Nachricht, dass Hermann Göring, einer der mächtigsten Männer des NS-Reichs, mit seinem Sonderzug in Bredstedt eingetroffen ist. Bald füllt eine große Menschenmenge den Bahnhofsvorplatz. Als Göring erscheint, ertönen laute „Heil“-Rufe.

Niemand in der jubelnden Menge wusste, welchem Zweck dieser Besuch diente. Der Generalfeldmarschall sei wohl in den „abseitigen Marschenwinkel“ gekommen, „um einmal wirklich Ruhe zu haben“, hieß es am nächsten Tag in den Husumer Nachrichten. In einer offenen Limousine ließ er sich in den vor Bredstedt gelegenen Sönke-Nissen-Koog chauffieren. Das ganze Gebiet hatte die Polizei großräumig abgesperrt.

Auf dem Hof „Elisabethbay“ wurde Göring bereits erwartet. Hier verhandelte er in einem geheim gehaltenen Treffen mit einer britischen Delegation. Die Schlüsselrolle spielte ein schwedischer Staatsbürger mit Verbindung zu Nordfriesland: der Großindustrielle Birger Dahlerus (1891–1957). Als Ingenieur und Direktor in mehreren Werken der Eisenindustrie in Schweden, Deutschland und Großbritannien war er tätig gewesen, hatte viele internationale Verbindungen geknüpft und betrieb seit 1932 das Traktorenwerk Bolinders bei Stockholm.

Dahlerus heiratete Elisabeth Nissen geb. Rabe, die Witwe des 1923 gestorbenen Sönke Nissen, dessen Vermögen die Eindeichung des nach ihm benannten Kooges ermöglicht hatte. Um mit der Eheschließung verbundene juristische Probleme zu lösen, wandte er sich an den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring. Im Gegenzug war er dessen Stiefsohn behilflich, der sich damals in Schweden aufhielt. Dahlerus sah in Göring den einzigen Mann der engeren NS-Führung, der einer friedlichen Lösung aufgeschlossen gegenüberstünde. Nun wollte er angesichts der unheilvollen internationalen Lage zwischen Deutschland und Großbritannien vermitteln. Es war – so betitelte er sein 1945 in Stockholm und 1948 auf Deutsch in der Nymphenburger Verlagshandlung erschienenes Buch – „der letzte Versuch“, den heraufziehenden Weltkrieg zu verhindern.

Nach Gesprächen mit dem britischen Außenminister Lord Halifax stellte er die Weichen für eine deutsch-britische Konferenz. Zunächst sollte sie in einem Schloss in Südschweden stattfinden. Dahlerus schlug dann „Elisabethbay“ vor, weil sich die von beiden Seiten gewünschte Geheimhaltung hier eher gewährleisten ließ. Der Bauernhof im Koog war durch seine Heirat mit der Witwe Sönke Nissens gewissermaßen in schwedischen Besitz übergegangen, konnte also beinahe als neutrales Terrain angesehen werden. Dahlerus tat alles, um dem Hof zur Konferenz ein schwedisches Gepräge zu geben. Er ließ die schwedische Flagge aufziehen. Der eigens herbeigeholte Küchenchef des Hamburger Atlantic-Hotels, Ludwig Schnitzbauer, bereitete schwedische Spezialitäten zu, nachdem er am Morgen für die Briten bereits ein englisches Frühstück serviert hatte. Der Presse wurde mitgeteilt, Göring treffe „schwedische Bekannte“.

Die britische Delegation bestand aus sieben einflussreichen Männern aus Wirtschaft und Finanzwesen, also nicht aus Vertretern der Regierung oder des Parlaments. In den Verhandlungen im Wohnzimmer von „Elisabethbay“ versuchte Göring, die Briten durch eine Mischung aus Offenheit und indirekten Drohungen für seinen Standpunkt zu gewinnen. Er wollte letztlich freie Hand für einen deutschen Angriff auf Polen. Bis 18.30 Uhr dauerte das Treffen, das im Auftrag Görings von einem Bredstedter Funktechniker auf „Schellackplatten“ aufgezeichnet wurde, denn Tonbandgeräte befanden sich noch in der Entwicklung. Man einigte sich, dass schnellstmöglich eine Konferenz mit bevollmächtigen Vertretern der Regierungen einberufen werden solle. Beim Abschied tranken Engländer und Deutsche einander zu. Göring brachte ein „Skål“ auf den Frieden aus. Er fuhr mit seinem Sonderzug nach Sylt weiter, wo er sich häufig aufhielt. Bereits 1933 war er Ehrenbürger der Gemeinde Kampen geworden, und in Wenningstedt hatte sich seine Frau ein Haus bauen lassen. Hier auf Sylt erörterte er am nächsten Tag das Ergebnis der Konferenz mit Dahlerus. Den Generalmajor Karl-Heinrich Bodenschatz sandte er zum Obersalzberg, um Hitler über das Treffen zu berichten.

Als sich die Lage immer mehr zuspitzte, setzte der Schwede pausenlos seine Friedensbemühungen fort. Mehrfach traf er mit dem britischen Premierminister Neville Chamberlain und Außenminister Halifax, mit Hitler und am häufigsten mit Göring zusammen. Hitler ließ Dahlerus noch am Vormittag des 1. September 1939 zu sich kommen, kurz nachdem er in der Berliner Krolloper gelogen hatte: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“

Dass seine Bemühungen von vornherein zum Scheitern verurteilt waren, erkannte Dahlerus später selbst. Als er am 19. März 1946 im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg als Zeuge aussagte, erklärte er: „… hätte ich gewusst, was ich heute weiß, so wäre mir klar gewesen, dass meine Bemühungen unmöglich Erfolg haben konnten.“ Göring war kein aufrichtiger Friedenssucher. Sein Hauptziel bestand darin, Großbritannien nach einem deutschen Überfall auf Polen aus dem Krieg herauszuhalten.

Birger Dahlerus hat seine Bedeutung als „Amateurdiplomat“ vielleicht überschätzt, so heißt es in historischen Untersuchungen. Doch sein „letzter Versuch“, aus eigener Initiative und mit größtem Einsatz den Frieden zu retten, bleibt beeindruckend.


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erstellt am 07.Aug.2014 | 17:46 Uhr

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