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Mülltrennung : Der Grüne Punkt kommt in die Tonne

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mehr als 20 Jahre nach Einführung des Grünen Punkts wächst die Kritik am dualen System zur Mülltrennung. Kommunen sprechen sich für eine „radikale Kehrtwende“ aus und wollen das Recycling wieder in die eigenen Hände nehmen.

shz.de von
erstellt am 13.Apr.2014 | 17:23 Uhr

Kiel | „Früher war das besser“. Es gibt Fälle, da stimmt dieser Satz sogar. Früher – also etwa noch vor 15 Jahren – war auf jedem Joghurtbecher und jeder Schuhcremetube ein grüner Punkt aufgedruckt. Der Verbraucher wusste: Das Ding gehört in die Gelbe Tonne sobald es leer ist. Damals war allein die Gesellschaft „Duales System Deutschland“ für das Recycling zuständig, kassierte bei den Produzenten von Nudeln und Schuhcreme Gebühren für die spätere Verpackungsentsorgung und holte die gelbe Tonne vor unserer Haustür kostenlos ab. Natürlich hat die Industrie die Kosten auf die Produkte aufgeschlagen.

Seit der Jahrtausendwende hat das „Duale System“ keine Monopolstellung mehr. 2001 wurde der Markt auf Druck der EU-Kartellbehörde für Wettbewerber geöffnet. Inzwischen gibt es zehn Betreiber, die mit Herstellern und Händlern Lizenzverträge schließen und in deren Auftrag Verpackungen verwerten. Das Problem: Nur noch knapp die Hälfte der Plastikverpackungen, die im Umlauf sind, tragen den Grünen Punkt. Nach Ansicht der Fachleute hat das gravierende Folgen, wie das Beispiel Schleswig-Holstein zeigt.

Hier produziert jeder Bürger zwischen Nord- und Ostsee im Durchschnitt 475 Kilo Müll pro Jahr. Der größte Teil der eingesammelten Abfallmenge (47 Prozent) ist Haus- und Sperrmüll. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) kann laut Statistikamt verwertet werden, den Rest liefern die Müllautos in den Verbrennungsanlagen ab.

Doch dort landet seit einigen Jahren genauso wie im übrigen Bundesgebiet immer mehr Verpackungsmüll, der eigentlich in die gelbe Tonne gehört. Der Umweltwissenschaftler Heinz-Georg Baum von der Hochschule Fulda geht in seiner jetzt vorgelegten Studie im Auftrag des Verbands der kommunalen Unternehmen davon aus, „dass 40 Prozent der Verpackungen nicht in gelben, sondern in den grauen Tonnen entsorgt werden“. Anderseits gehören 35 bis 40 Prozent der Materialien, die in Gelben Säcken oder Tonnen landen, dort gar nicht hinein. 2,4 Millionen Tonnen pro Jahr gesammelter Leichtverpackungsabfälle gelten als „Fehlwürfe“.

Das habe damit zu tun, dass es für Bürger „fast unmöglich ist, ordnungsgemäß zu trennen“, meint Baum. So ist ein Kleiderbügel Grüner-Punkt-Abfall, wenn er einst Teil einer Verpackung war. Wurde er als Kleiderbügel gekauft, gehört er in den Hausmüll. Und wohin mit Grablichtern, Wurstpellen und Teebeutel? Nach einer Forsa-Umfrage halten die Bürger die Mülltrennung für zu kompliziert. Zwei Drittel der Befragten würden demnach lieber rein nach Plastikmaterial sortieren und nicht nach der Kennzeichnung mit dem Grünen Punkt.

Fachleute kritisierten: Es ist ein „ruinöser Wettbewerb unter Ausnutzung von Schwachstellen der Verpackungsverordnung“ entstanden. Dies könne zum Einsturz des Gesamtsystems führen. So behaupten immer mehr Einzelhändler, dass Verbraucher die Verpackung in den Geschäften zurückgeben können (Eigenrücknahme) – und zahlen nichts. Gleiches gilt bei Plastikbecher oder Getränkekartons, die in Krankenhäusern, bei Fast-Food-Ketten oder Kantinen anfallen (Branchenlösungen). Die Folge: Während die Mengen konstant bleiben, ist die Zahl bezahlter Verpackungen allein im ersten Quartal 2014 um 25 Prozent im Vergleich zu 2013 gesunken. Vermutet wird, dass Hersteller mit Blick auf die Ausnahmen ihre dem dualen System gemeldeten Abfallmengen klein rechnen und so dem System Geld fehlt. Von einem Minusbetrag von bis zu 350 Millionen Euro in diesem Jahr ist die Rede. Die Zeche zahlt letztlich der Verbraucher.

Die Politik plant deshalb jetzt eine Novelle der Verpackungsverordnung, um die Schlupflöcher zu schließen, Eigenrücknahmen zu verbieten und Branchenlösungen massiv einzuschränken – alles ab Januar 2015.

Die Kommunen sprechen sich sogar für eine „radikale Kehrtwende“ in Sachen Recycling aus und wollen das Recycling wieder in die eigenen Hände nehmen. Für den Bürger sei das günstiger: Statt rund einer Milliarde würden sich die Kosten auf jährlich 400 bis 500 Millionen Euro belaufen.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) will im Herbst einen Vorschlag vorzulegen, um das Recycling für die Bürger flächendeckend zu vereinfachen. Letztlich wäre das die Wertstofftonne, in die praktisch alle Gegenstände aus Kunststoff und Metall geworfen werden können. Mehrere Bundesländer haben dies bereits ausprobiert und damit gute Erfahrungen gemacht. Manche Experten gehen sogar noch weiter: keine Extra-Tonnen mehr. Rein technisch sei eine automatisierte Mülltrennung durch Maschinen mittlerweile möglich. Auch Verbraucher können ein Zeichen setzen: Einfach weniger Müll produzieren. Noch ist die Verpackungsmenge pro Kopf und Jahr in Deutschland mit 202 Kilogramm die zweithöchste in Europa (nach Luxemburg). Kunststoffverpackungen haben um 25 Prozent zugenommen.

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