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St. Johanneskirche : Der große Kirchenkrach von Ahrensburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Christen in Ahrensburg sind tief zerstritten. Es geht um Kindesmissbrauch, ein geschlossenes Gotteshaus und einen unbequemen Pastor.

shz.de von
erstellt am 17.Apr.2014 | 13:42 Uhr

Ostern ist das höchste Fest der Kirche und mit dem Ostersonntag beginnt die 50-tägige Freudenzeit bis Pfingsten. In Ahrensburg, die größte Stadt im Kreis Stormarn, dürfte davon wenig übrig bleiben, auch wenn die Vorzeichen gut schienen. Ostersonntag um 9.30 Uhr sollte die im vergangenen Jahr aus Finanzgründen geschlossene St. Johanneskirche von Propst Hans-Jürgen Buhl mit einem Gottesdienst wieder eröffnet werden, und am Dienstag soll der Förderverein des Gotteshauses den Schlüssel für die größte Ahrensburger Kirche bekommen.

Als die Nutzungsvereinbarung vor wenigen Wochen unterzeichnet wurde, schien aller Ärger verraucht – über den Beschluss des Kirchengemeinderats, das Gottes- und das St. Johannes-Gemeindehaus zu schließen und über die Art und Weise, wie er hinter verschlossenen Türen zustande gekommen war, über die Verweigerung von Gesprächen und über den den Bauzaun, der im Januar – aus Versicherungsgründen – aufgestellt worden war.

Es gelang allerdings nicht, die Menschen damit von ihren Andachten vor der Kirche abzuhalten. Immer mehr Ahrensburger kamen zu den Gottesdiensten am Bauzaun, das Medieninteresse nahm zu. Im März dann die Wende: Kirchengemeinderat (KGR) und Förderverein einigten sich auf einen Nutzungsvertrag: Der Verein übernimmt Kirche und Betriebskosten.

Jetzt teilte der KGR allerdings mit, wie man sich die Auslegung des Vertrags vorstellt. Nicht zwei, wie es sich der Förderverein vorgestellt hatte, sondern drei gemeindliche Gottesdienste im Monat sollen es in der Johanneskirche sein. Und selbst wenn es keinen Gottesdienst gibt, darf der Förderverein nicht in die Kirche laden. Man begrüße Laienandachten, so KGR-Vorsitzende Anja Botta, aber eben nicht am Sonntagvormittag, sondern nur nachmittags, abends oder an anderen Tagen.

„Geradezu absurd“ findet es Vereins-Vorsitzender Hans-Peter Hansen, dass man mit den Andachten vor der Kirche für deren Öffnung gekämpft habe, nun aber nicht in das Gotteshaus dürfe. Offizielle Begründung: Ahrensburg ist eine Gesamtgemeinde. Wenn in einer der drei Predigtstätten ein Gottesdienst stattfinde, gebe es keinen Bedarf für ein weiteres Angebot.

Das hatte sich der Förderverein ganz anders gedacht, wollte die Johanneskirche eigentlich selbst mit einer Andacht eröffnen und nahm den Propst-Termin mit deutlich vernehmbaren Grummeln hin. „Wir wollen aber keinen Streit“, sagte Hansen, „die Mitglieder werden mit einer Blume als Zeichen des Friedens in den Gottesdienst kommen.“ Wie man Propst Buhl nun, nach Bekanntmachung der neuen Gottesdienstordnung, begegnen wird, muss sich zeigen. Zumal ein weiterer Konfliktstoff der Ahrensburger Gemeinde jetzt öffentlich wurde. Der Kirchengemeinderat hat gegen seinen ehemaligen Vorsitzenden Helgo Matthias Haak ein „Ungedeihlichkeitsverfahren“ eingeleitet. Ob eine gedeihliche Zusammenarbeit noch möglich ist, prüft das Landeskirchenamt in Kiel.

Pastor Haak war im Januar 2011 als KGR-Vorsitzender zurückgetreten, offiziell aus Gesundheitsgründen, tatsächlich aber, weil er über einen Missbrauchsskandal öffentlich reden wollte, aber nicht durfte. Zum Beispiel über die KGR-Sitzung 1999, in der bereits über Missbrauchs-Vorwürfe gesprochen worden war. Die Mauer des Schweigens wurde erst elf Jahre später durchbrochen. Erst als die Opfer sich überwanden, kam heraus, dass in den 70er und 80er Jahren Jungen und Mädchen von mindestens einem Pastor sexuell missbraucht worden waren. Im Zuge der Affäre war Bischöfin Maria Jepsen zurückgetreten, es gab Verfahren gegen zwei Pröpstinnen.

 Mit Dienstverschwiegenheit hatte die Nordelbische Kirchenleitung Pastor Haak verboten, seine Aufzeichnungen von damals öffentlich zu machen. Haak legte Beschwerde ein und entschloss sich im Sommer 2010 zur Klage gegen seinen Arbeitgeber. Im Februar 2012, gab es einen Vergleich zu Haaks Gunsten vor dem Kirchengericht.

Bereits im November 2011 hatte sich Haak für die Stelle als Propst für Rahlstedt-Ahrensburg beworben – öffentlich, was unüblich ist. Und mit der Begründung, dass die Nordelbische Kirche außerstande sei, die Krise angemessen zu bewältigen, weil man anscheinend mehr um das eigene Ansehen als um die Opfer besorgt sei.

Der Wahlausschuss schlug dann Hans-Jürgen Buhl als einzigen Kandidaten vor, der Ende Februar 2011 gewählt wurde. Bei ihm wollte sich Haak im November 2013, nach neun Monaten Krankheit, zum Dienst zurückmelden. Doch der untersagte ihm den Dienstantritt vorläufig, so Haaks Anwalt Einar von Harten. Das Angebot einer Springer-Stelle, auf ein Jahr befristet, lehnt Haak ab. Mit dem Gemeinderat sucht er erfolglos das Gespräch, bekommt im Dezember den Beschluss mitgeteilt, dass das Kirchenamt eine andere Stelle für ihn finden soll. Dann beginnt das Ungedeihlichkeitsverfahren. „Das ist ein Instrument, um jemanden ohne Begründung loszuwerden“, so von Harten. „Bis jetzt hat uns niemand gesagt, was die Gründe dafür sind“, wundert sich der Anwalt und sagt: „Ich habe den Eindruck, dass man diesen kritischen Kopf nicht mehr in Ahrensburg haben will.“

Das gilt nicht nur im Zusammenhang mit dem Missbrauchs-Skandal. Intern hatte sich Haak auch gegen die Schließung der St. Johanneskirche ausgesprochen, die Finanznot hält er für vorgeschoben. Und vermutet, dass ihm diese Meinungsäußerungen das Verfahren eingehandelt hat. Haak will sich aber nicht zum Sündenbock machen lassen während gleichzeitig Missbrauchs-Täter in Ahrensburg leben können und geht dagegen vor. Wenn Kiel eine „Ungedeihlichkeit“ feststellt, könnte der 57-jährige Vater von drei erwachsenen Kindern bis zu 40 Prozent seines Gehalts verlieren.

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