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Der größte Gottesdienst des Jahres

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erstellt am 06.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Hamburg | Der Klang tausender Posaunen hallte durch den Hamburger Stadtpark. Golden glänzten die Instrumente in der Sonne. Mehr als 130 000 Menschen hatten sich auf Wiesen und Wegen gelagert, laut ertönten aus ihren Kehlen die Choräle. Mit dem wohl größten Gottesdienst des Jahres ging gestern der 34. Deutsche Evangelische Kirchentag in Hamburg zu Ende. Unter dem Motto "So viel Du brauchst" hatten 120 000 Dauerteilnehmer gemeinsam gesungen und gebetet, an Podiumsdiskussionen und Vorträgen teilgenommen. Nun aber war es Zeit für Kirchentagspräsident Gerhard Robbers, Adieu zu sagen.

Er tat das mit einem leidenschaftlichen Appell für mehr Inklusion und soziale Gerechtigkeit, und griff damit auch in der letzten Veranstaltung zwei der Hauptthemen des Hamburger Christentreffens auf. "Wir rufen dazu auf, Menschen mit Behinderungen in unsere Gesellschaft wirklich aufzunehmen", so Robbers. Nicht nur Treppenstufen und Bordsteine müssten durch Rampen überwunden werden, sondern auch die Barrieren in den Köpfen der Menschen. "Dass wir sehen, wie viel wir von Menschen mit Behinderungen lernen können, wie viel Lebenskraft wir von ihnen empfangen können." Schon am Donnerstag hatten Bundespräsident Joachim Gauck und der gelähmte Wetten-Dass-Kandidat Samuel Koch in einer bundesweit übertragenen Diskussionsrunde dafür gesorgt, dass die Inklusion stärker als von den Veranstaltern vielleicht einmal geplant ins Zentrum des Hamburger Christentreffens rückte. Und auch der Kirchentag selbst ging mit gutem Beispiel voran: Leihrollstühle, über 160 im Fahrdienst eingesetzte Helfer und mehr als 100 in Gebärdensprache gedolmetschte Veranstaltungen ließen die Großveranstaltung zu einem Vorbild in Sachen Barrierefreiheit werden.

"Auf diesem Kirchentag ist klar geworden, dass Menschen von ihrer Arbeit auch leben können müssen", sprach Robbers ein zweites mit der Kirchentagslosung verbundendes Schwerpunktthema an. Lohndumping müsse aufhören. "Und wer auf Hartz IV angewiesen ist, muss davon auch menschenwürdig leben können." Letzteres freilich waren keine überraschenden Äußerungen für die evangelische Kirche - der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gehört schon seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu den Hauptthemen der Christentreffen. Und so politisch der Kirchentag auch sein wollte: Am Ende war ein Konzert der Musikgruppe "Wise Guys" mit 65 000 Besuchern die nach dem Schlussgottesdienst am stärksten besuchte Veranstaltung. Als Angela Merkel in einer Messehalle zu Gast war, gab es viel Applaus, aber wenig Kontroversen. "Konsenssoße" hieß das Wort, das anschließend unter den anwesenden Pressevertretern die Runde machte. Die bei den Veranstaltungen von Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU), der auch Mitglied in den Gremien des Kirchentags ist, beharrlich auftretende Störergruppe aus den Reihen der Friedensbewegung wirkte da schon fast wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Dennoch zog der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, gestern eine positive Bilanz: "Der Kirchentag hat Zeichen gesetzt", so Ulrich. Er habe zum weiteren Zusammenwachsen der Nordkirche beigetragen. Und manche Themen, etwa der interreligiöse Dialog, die Inklusion oder die Energiewende seien auch für die Nordkirche weiter zu bearbeiten. "Dieser Kirchentag hat einmal mehr gezeigt, dass Kirche und Glauben immer politisch sind."

Was aber wird tatsächlich bleiben vom Hamburger Christentreffen, nun, wo die Zelte abgebrochen, die Papphocker wieder zusammengefaltet und die blauen Kirchentagsfahnen eingeholt sind? Vermutlich passt auch hier die Kirchentagslosung: "So viel Du brauchst." Kirchentage sollte man nicht überschätzen - aber vielleicht findet das eine oder andere neue Lied aus dem Kirchentagsliederbuch nun seinen Weg in die Gottesdienste auc h in Schleswig-Holstein, vielleicht denkt der eine oder andere Kirchgemeinderatsvorsitzende nun darüber nach, wie auch die heimische Kirche barrierefrei gestaltet werden kann. In jedem Fall aber bleibt am Ende die Erinnerung an eine Stadt voll fröhlicher Menschen, die alle eine große Gemeinschaft bildeten. Wer in Hamburg dabei war, wird noch lange begeistert an die tollen Tage an der Elbe denken: Die gastgebe nde Nordkirche hat es gut gemacht.

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