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Bestattungen in SH : Der Friedhof der Zukunft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dem Wandel in der Bestattungskultur trägt man auch in SH Rechnung. Der strikte Friedhofszwang wurde längst durch trickreiche Sonderregelungen aufgeweicht.

Kiel | Verstreuen, begraben, verbrennen? Im Bestattungsrecht gehen die Bundesländer ganz unterschiedliche Wege. So hat die Bremische Bürgerschaft soeben eine weitgehende Lockerung des Friedhofszwangs beschlossen. Demnach darf die Asche von Verstorbenen künftig auf Privatgrundstücken verstreut werden, sofern der Verblichene dies zu Lebzeiten schriftlich verfügt hat. Er muss eine Person für die Totenfürsorge festlegen, die bei der Beisetzung einen pietätvollen Rahmen sicherzustellen hat. „Nachbargrundstücke dürfen nicht oder nur unwesentlich durch das Verstreuen der Asche beeinträchtigt werden“, heißt es im Gesetz, das im Januar in Kraft treten soll. Offenbar wird in Kauf genommen, dass ein wenig von Omas Asche beim Nachbarn landet. Bei starkem Wind soll das Verstreuen allerdings unterbleiben.

Ähnliches wird es auf absehbare Zeit in Schleswig-Holstein nicht geben. „Bei uns ist derzeit keine Änderung des Bestattungsgesetzes geplant“, erklärte am Wochenende Christian Kohl, Sprecher des Kieler Sozialministeriums. Wer den eigenen Garten zum Friedhof machen will, hat auch keine Chance, das heimische Recht zu umgehen und den lieben Angehörigen in Bremen einäschern zu lassen und ihn dann in der Urne nach Hause zu holen. Um einen „Aschetourismus“ aus strenger regulierten Bundesländern zu verhindern, gilt der Beschluss der Bürgerschaft nur für Verstorbene mit letztem Hauptwohnsitz in der Hansestadt.

Rechtliche Bedenken gegen den Friedhof im eigenen Garten kann man an der Weser nicht erkennen. „Verfassungsrechtlich steht jeder Person ein postmortales Verfügungsrecht zu. Die Gesetzesvorlage trägt dem Wunsch aus Teilen der Bevölkerung nach einer Lockerung des bisherigen Friedhofszwangs Rechnung und stellt zugleich sicher, dass ein pietätvoller Umgang gewahrt wird“, heißt es in der Gesetzesbegründung. Ursprünglich sollte den Hinterbliebenen auch erlaubt werden, Urnen zwei Jahre zu Hause aufzubewahren und erst danach beizusetzen. Wegen juristischer Bedenken und zahlreicher Proteste gegen die „Urne auf dem Kaminsims“ wurde dies aber gestrichen.

Auch wenn Schleswig-Holstein nicht so „fortschrittlich“ wie Bremen ist – dem Wandel in der Bestattungskultur trägt man auch hier Rechnung. Der strikte Friedhofszwang wurde längst durch trickreiche Sonderregelungen aufgeweicht. So ist im Norden die Beisetzung von Urnen in Wäldern dann zulässig, wenn diese als Friedhöfe gewidmet sind. „Träger eines solchen Friedhofs ist entweder eine Kommune oder eine als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannte Religionsgemeinschaft“, erläutert Ministeriumssprecher Christian Kohl. Dies sei auch bei den sogenannten Friedwäldern oder Ruheforsten der Fall. Die Seebestattung – in Flensburg und Kiel werden mittlerweile über zehn Prozent der Bestattungen auf See durchgeführt – wurde der Beisetzung auf einem Friedhof gleichgestellt. „Sie stellt eine gesetzliche Ausnahme vom grundsätzlich bestehenden Friedhofszwang dar“, so Kohl.

Größter Verfechter dieses Zwangs sind die Kommunen und die Kirchen, die auf die erwirtschafteten Friedhofsgebühren ungern verzichten. Die Kirchen setzen sogar auf ungewöhnliche Werbeaktivitäten, um auch junge Leute für Friedhöfe zu interessieren. Per App und GPS-Signal führt man sie zum gewählten Grab.

Doch selbst die Initiative Grab 2.0 wird das Ende der generationsübergreifenden Familiengrabstätten nur herauszögern. Weil die platzsparende Urnenbeisetzung nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist, werden Friedhöfe für Kommunen zunehmend zum Problem. Wurden 1990 noch 80 Prozent der Verstorbenen im Sarg beigesetzt, gibt es heute 80 Prozent Urnenbestattungen.

Die Folge: Je weniger Menschen auf dem Friedhof bestattet werden, desto stärker steigen die Gebühren. Nach einer Studie der Wirtschaftsberatungsfirma Ernst and Young vom September dieses Jahres planen 27 Prozent der Kommunen, demnächst ihre Friedhofsgebühren zu erhöhen. Weil immer weniger Friedhofsflächen benötigt werden, denken auch die Politiker von Brunsbüttel bis Kiel über alternative Nutzungskonzepte nach, von Parklandschaften bis zur Wohnungsbebauung.

Doch der Trend zur Beisetzung auf Gemeinschaftsflächen, in Ruheforsten oder auf See hat nach Ansicht von Bestattern nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern auch Auswirkungen auf Trauernde. Bei der Verstreuung der Asche auf Privatgrundstücken oder bei anonymen Beisetzungen in Urnenfeldern gibt es keinen Ort der Trauer mehr, der öffentlich zugänglich ist. „Wir unterhalten Gräber, damit wir unsere Trauer im Dialog mit den Verstorbenen abtragen können – ansonsten hat die Beisetzung gar keinen Sinn“, meint Rolf Lichtner vom Bundesverbands Deutscher Bestatter.

Nachdenklicher dürfte der Hinweis des griechischen Staatsmannes Perikles stimmen, der schon um 500 vor Christi sagte: „Ein Volk wird nach dem beurteilt, wie es seine Toten bestattet“. Was würde er wohl von Beerdigungen halten, bei denen in Jeans gekleidete „Trauernde“ – das Glas Prosecco in der Hand – im Wald bunte Luftballons aufsteigen lassen?

Für viele Bürger ist die Art der Beisetzung auch eine Frage des Preises. So kostet das Nutzungsrecht für ein Sarg-Reihengrab (25 Jahre) in Kiel 1170 Euro, für eine Urne 724 Euro. Seebestattungen sind relativ teuer. Will man den Toten auf den  Schiff begleiten, kostet das 2200 Euro. Erlaubt sind Seebestattungen nur außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer, also etwa drei Meilen vom Festland entfernt. Die wasserlösliche Urne wird vom Kapitän der See übergeben. 
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erstellt am 17.Nov.2014 | 16:23 Uhr

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