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Kieler Original : Der freundliche Herr Didszun

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der 74-jährige Rentner Siegfried Didszun hilft seit neun Jahren in Kieler Supermarkt aus. Bei jedem Wetter versorgt das Kieler Original Kunden mit Einkaufswagen und guter Laune.

Kiel | Ein fröhliches „Moin“, ein herzliches Winken – und immer wieder ein Lächeln im Gesicht: Wenn Siegfried Didszun arbeitet, bleiben die Leute gern stehen. Für einen kurzen Plausch mit dem 74-Jährigen, der ihnen den Einkaufswagen gebracht hat, bevor das Auto abgeschlossen ist. Und der schon bereitsteht, bevor der Einkauf verstaut ist. Siegfried Didszun ist seit neun Jahren in Rente. Arbeiten möchte er trotzdem. Deshalb hilft er freitags und sonnabends im Famila-Supermarkt in Kiel-Russee aus. Bei jedem Wetter steht er auf dem Parkplatz. Wenn’s regnet, wirft er seinen gelben Friesennerz über. Didszun hält das Grundstück frei von Herbstlaub. Er versorgt die Kunden mit Einkaufswagen. Aber er ist weit mehr als der Parkplatz-Mann. Für viele Kunden gehört Didszun zum Inventar. Für ihn selbst ist es „eine große Familie“. Und aus Sicht der Supermarkt-Leitung ist der freundliche Mann mit dem grauen Schnauzbart ein „Aushängeschild“.

Der 74-Jährige sagt, er habe in all den Jahren verschiedene Geschäftsführer miterlebt. Im Sommer nun übernahm Ina Herbst die Leitung der Filiale in Russee. Zur selben Zeit fiel Siegfried Didszun krankheitsbedingt einige Wochen aus. Es fiel auf. Er wurde vermisst. „Die Kunden fragten schon nach, ob ich ihn etwa entlassen hätte“, sagt Ina Herbst. So was würde die Chefin aber nicht tun: „Wir möchten Herrn Didszun nicht missen.“

An diesem Freitagmorgen trifft Didszun auf dem Parkplatz Rosita Hafemeister. Seit 20 Jahren geht die 73-Jährige in Russee einkaufen – und eine derartige Hilfsbereitschaft, sagt sie, kenne sie nicht von anderswoher. „Er verwöhnt uns ordentlich“, sagt die Kielerin über Didszun: „Er ist schon toll. Wenn er nicht da ist, dann fehlt er.“ Sie fragt nach seinem Befinden – auch Rosita Hafemeister hatte von den gesundheitlichen Problemen gehört: „Er hat geschwächelt vor einigen Wochen.“ Der Rentner winkt ab. „Alles Nebensache“, sagt Siegfried Didszun. „Mir geht’s wieder gut.“ Dann bringt er einen Besen weg, den gerade ein unachtsamer Autohalter über den Haufen gefahren hat.

Siegfried Didszun ist gebürtiger Ostpreuße, kam in der Nähe des früheren Königsberg (Kaliningrad) zur Welt. Seinen Vater lernte er nie kennen – „der fiel im Krieg.“ Seine Mutter und zwei Geschwister verstarben ebenfalls. „Ich bin als Kind geflüchtet, als Vollwaise bei polnischen Bauern aufgewachsen“, erzählt er. Seit 50 Jahren lebt Didszun in Kiel, die meiste Zeit in Ellerbek. Didszun arbeitete als Baumaschinenleiter, mehr als 40 Jahre lang, war immer auf Montage und nur am Wochenende zu Hause bei Ehefrau Gerda und den zwei Söhnen. Mit seiner Gerda war er lange verheiratet. „Vor kurzem waren es 50 Jahre“, sagt Siegfried Didszun. Er ist Witwer. Im Januar 2012 starb sie ganz plötzlich nach kurzer, schwerer Krankheit. Er trauerte, sehr. Doch auf dem „Famila“-Parkplatz fehlte Didszun nur zwei Tage. „ Die Arbeit und die Menschen hier haben mir geholfen“, erzählt der Mann mit den blitzenden grau-blauen Augen. Er mache den Job, weil der ihm Spaß mache. „Meine Rente ist gut. Klar freue ich mich, wenn da noch was in die Kasse kommt“, sagt Siegfried Didszun. Er arbeitet auf 400-Euro-Basis.

Warum kommt der Mann überall so gut an? Wen man auch fragt – jeder findet positive Worte. „Es ist toll, er kommt einem immer entgegen“, schwärmt Susanne Trautmann (52, Foto). „Er ist richtig lieb“, bestätigt Brigitte Goethe (55), die ihren Großeinkauf im Kofferraum verstaut. „Er hilft sehr, denn er bringt auch zwei Wagen, wenn er uns sieht“, sagt die Kielerin und deutet auf ihre 84-jährige Mutter. Die nickt nur und findet: „Er macht den Einkauf persönlich. Und das ist was Besonderes in unserer Welt, die einfach kälter geworden ist.“

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erstellt am 27.10.2013 | 07:30 Uhr

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