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Das Schweigen der Wiesenvögel

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erstellt am 02.Mai.2013 | 01:14 Uhr

bergenhusen | Der Gesang der Vögel: Noch gehört er zu April und Mai wie das Sprießen der Knospen. Hermann Hötker warnt davor, dass dies nicht mehr lange selbstverständlich sein könnte. "Wir laufen Gefahr, dass ein stummer Frühling einsetzt", befürchtet der Leiter des Michael-Otto-Instituts im Naturschutzbund (Nabu). Neue Forschungen der Einrichtung in Bergenhusen (Kreis Schleswig-Flensburg) belegen sowohl für Schleswig-Holstein als auch bundesweit: "Den Vögeln der Agrarlandschaften geht es so schlecht wie nie", klagt Hötker. "Einige stehen unmittelbar vor dem Aussterben."

Teilweise sind es einstige Allerweltsarten, bei denen der Biologe innerhalb der vergangenen 20 Jahre gewaltige Einbrüche festgestellt hat: Bekassine minus 70 Prozent, Austernfischer minus 50, Uferschnepfe minus 45, Kiebitz minus 40 Prozent lauten Beispiele. Die Brutbestände des Alpenstrandläufers stünden sogar kurz vor dem Erlöschen. Die Erkenntnisse beruhen auf der umfangreichsten Vergleichsstudie zu Wiesenvogelarten,die laut Michael-Otto-Institut jemals in Schleswig-Holstein gemacht wurd. Sie führt Zählungen von einst und jetzt zusammen. 10 552 Datensätze aus 318 Zählgebieten flossen ein. Teils reichen die Dokumentationen bis in die 1960er Jahre zurück.

Hakt es im Norden, so hat das gleich Folgen im nationalen Maßstab : Schleswig-Holstein hat im Verhältnis zu seiner Größe einen weit überproportionalen Anteil an den Wiesenvogel-Populationen. Nach Niedersachsen ist es für diese Arten das zweitwichtigste Bundesland. "Deshalb trägt es für ihren Erhalt eine besonders hohe Verantwortung", verdeutlicht Hötker.

Der Biologe konnte nachweisen, dass die Abnahme der Wiesenvögel nicht an einer höheren Sterberate liegt. "Ganz offensichtlich ist eine rückläufige Reproduktionsrate Grund für die Schwierigkeiten. Die Probleme liegen in ihren Brutgebieten."

Das verwundert den Wissenschaftler angesichts des veränderten Landschaftsbildes nicht: "Das feuchte Grünland verschwindet immer mehr - und damit die letzten Refugien der Wiesenvögel." Mais für Biogasanlagen, aber auch relativ hohe Getreidepreise machen es für Landwirte attraktiv, möglichst jeden Zipfel Boden zu beackern.

1997 gab es in Schleswig-Holstein noch 446 460 Hektar Dauergrünland und 590 800 Hektar Ackerland. 2012 waren es 317 400 Hektar Grünland, Ackerland hingegen schon 665 600 Hektar. Laut Bundesumweltministerium ging in keinem anderen Bundesland ein so hoher Grünlandanteil verloren.

Besonders gravierend sind die Rückgänge der Wiesenvogelbestände auf Eiderstedt. Dort haben die zunehmende Entwässerung und die Umwandlung von Wiesen zu Äckern vielerorts Uferschnepfen und Kiebitze vertrieben. Die Nabu-Experten dokumentierten anhand von Vergleichszahlen: Projekte des Vertragsnaturschutzes und der Stiftung Naturschutz, bei denen die Wasserstände in den Gräben und Senken stark erhöht wurden, zeigten positive Wirkungen: "Die Bestände der Wiesenvögel hielten sich oder erhöhten sich auf diesen Flächen sogar", erklärt Hötker. Er fordert deshalb: "Wir brauchen viel mehr von solchen guten Beispielen, um die Wiesenvogelbestände Eiderstedts zu retten."

Nicht nur die Wiesenvögel leiden unter dem Intensivierungsschub in der Landwirtschaft, auch die früher häufigen Ackervögel Rebhuhn und Feldlerche sind betroffen. "Von 30 Arten im Agrarraum gehen 26 zurück", fasst Hötker zusammen. Bei Rebhühnern ergibt sich gegenüber den 70er Jahren ein Minus von 90 Prozent, bei Grauammer und Feldlerche sind es 60 Prozent. Das Nabu-Institut verweist darauf, dass die EU 2007 ihre Flächenstilllegungs-Prämie abgeschafft habe. "Mais, Raps und Winterweizen sind bereits ab Mai so hoch und dicht, dass die Vögel nicht mehr darin leben können", erklärt der Forscher. "Mit Ach und Krach schaffen sie dort noch eine erste Brut, aber keine zweite oder dritte mehr." Hinzu kämen Nahrungsarmut durch Pestizide und Trockenheit.

Gerade für die Ackervögel ist nach Einschätzung des Nabu kaum Hoffnung in Sicht: Die EU-Agrarreform wird, so wie sie jetzt diskutiert wird, den Ackervögeln kaum helfen, sagt Hötker. "Nach wie vor sind Subventionszahlungen an die Landwirtschaft kaum an Umweltauflagen gebunden. Wenn die Intensivierung der Landwirtschaft so voran schreitet wie bisher, müssen wir uns wohl daran gewöhnen, Feldlerchen und Kiebitze bald nur noch in Reservaten sehen zu können."

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