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„Das geht alles auf den Müll“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Seit gestern werden die Esso-Häuser in Hamburg geräumt – für nicht wenige Mieter ist dies ein Auszug mit Wehmut

Das Surren eines Akkuschraubers gefolgt von einem Krachen erfüllt den sonnigen Januarmorgen. Arbeiter demontieren ein Schild vor der nun geschlossenen Waschanlage. „Zur Schmutzentfernung“ steht darauf geschrieben. Die Hinweistafel, die Jahrzehnte lang den Autofahrern den Weg wies, zeigt nun ins Nirgendwo. Zwei große Umzugswagen stehen vor den Esso-Häusern. Drei Wochen nach der Evakuierung der einsturzgefährdeten Sechzigerjahre-Wohnblöcke auf der Hamburger Reeperbahn werden seit gestern alle Wohnungen leergeräumt. Mitten in der Nacht wurden die Gebäude vor drei Wochen evakuiert. Zwei Bewohner hatten damals, unabhängig von einander, bei der Polizei angerufen, weil ihre Wände wackelten und Putz von der Decke fiel.

Gestern durften nun die ersten Mieter ihr Mobiliar aus den baufälligen Gebäuden holen – aus Sicherheitsgründen nur mit Hilfe einer Spedition und nach einem strickten Zeitplan. „Wir räumen täglich sechs bis acht Wohnungen leer“, sagt Bernhard Taubenberger, Sprecher des Gebäude-Eigentümers Bayerische Hausbau. Er war zuletzt am Montag in den Häusern, um sich zusammen mit Statikern und Bau-Experten ein letztes Mal vor dem Umzug ein Bild von der Substanz zu machen. Das Ergebnis: Alles soweit stabil. Es kann ausgezogen werden.

Auch Mussa Secka ist gekommen. Der 28-Jährige ist zwar erst in zehn Tagen mit umziehen dran, aber seit er und seine Familie vor drei Wochen evakuiert wurden, kommt er regelmäßig zu seinem ehemaligen Zuhause. „Ich muss ja meine Post abholen“, sagt Secka. Momentan wohnt er bei seiner Freundin. Im Hotel hat er es nicht ausgehalten. Von den 76 Mietparteien sind knapp die Hälfte privat untergekommen und etwas mehr als 40 im Hotel. Nicht einmal 20 Mietparteien haben inzwischen eine neue Bleibe gefunden. Zu ihnen gehört auch Secka. „Ich habe zwar eine neue Wohnung, aber momentan keine Möbel, um dort einzuziehen“, sagt er ärgerlich. Die stehen noch in seiner alten Wohnung, dort kommt er nicht ran. In seinen Augen hätten die Umzüge so organisiert werden sollen, dass zuerst die Mieter ausziehen, die bereits eine neue Wohnung haben.

Auf der anderen Gebäudeseite fliegen Möbel aus dem Fenster. „Und? Wie fühlen Sie sich jetzt?“ Das ist wohl die am meist gefragte Frage, die die Journalisten und Fernsehteams den Mietern durch den Bauzaun stellen. „Man fühlt sich, wie man sich eben so fühlt, wenn man sein eigenes Geld vernichtet“, sagt Hotelier und Kneipenbesitzer Hans Hermann Vagt resigniert und stößt ein Lattenrost tiefer in den großen Container. Ein Getränkeunternehmen holt die letzten Kisten aus dem „Am Sudhaus“, der Kneipe, die in den vergangenen Jahren Treffpunkt für die Mieter und Anwohner rund um die Esso-Häuser war. Eröffnen wird sie wohl nicht mehr. Hans Hermann Vagt geht in den Ruhestand. 33 Jahre lang hat er mit Frau, Tochter und einigen Angestellten das kleine Hotel „Am Hafen“ und die dazugehörende Gaststätte betrieben. Nun schmeißt er zusammen mit seinem Neffen die Einrichtung und Erinnerungen aus dem Fenster. Stühle, Betten, Tische segeln durch die Luft und zerschellen auf den Gehweg. „Das geht alles auf den Müll“, sagt er. Eine Nachttischlampe und ein noch gefüllter Papierkorb landen daneben. Einige DVD’s ergießen sich über den Boden. „Keine Pornos“, sagt Vagt’s Neffe augenzwinkernd, blickt prüfend auf die Filmchen, bevor auch sie zum übrigen Hotelinventar auf den Container fliegen.

So wie Hans Hermann Vagt räumen in diesen Tagen viele Club- und Kneipenbesitzer ihre Läden. Acht Gewerbebetriebe waren bis Mitte Dezember in der Ladenzeile am Spielbudenplatz angesiedelt. Auch ihnen sichert der Eigentümer, die Bayerische Hausbau, ein Rückkehrrecht zu. 5000 Quadratmeter Gewerbefläche, sind geplant.

Am 17. Januar sollen die 76 Wohnungen, die zum Zeitpunkt der Evakuierung noch bewohnt waren, geräumt sein. Etliche Mieter der insgesamt 108 Wohnungen waren jedoch schon vor der Zwangsevakuierung ausgezogen. Die Mieter sollen laut Taubenberger ein Rückkehrrecht bekommen. Wann genau die beiden Sechzigerjahre-Wohnblöcke abgerissen werden, steht noch nicht fest. Der Antrag liegt zur Zeit dem Bezirksamt Mitte zur Prüfung vor.

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erstellt am 08.Jan.2014 | 00:34 Uhr

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