Beherzter Ritt durchs Publikum

Ritt durch die Reihen des Publikums: Schauspieler Wayne Carpendale als „Old Shatterhand“ in Bad Segeberg  auf der Premiere von „Unter Geiern“.
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Ritt durch die Reihen des Publikums: Schauspieler Wayne Carpendale als „Old Shatterhand“ in Bad Segeberg auf der Premiere von „Unter Geiern“.

Bei den Karl-May-Spielen sind auch zwei Greifvögel im Einsatz / Am Sonnabend war vor 7500 Gästen Premiere für „Unter Geiern“

shz.de von
29. Juni 2014, 14:03 Uhr

Gut gelaunt und zu Späßen aufgelegt zeigte sich Bürgermeister Dieter Schönfeld bei der Saisonpremiere der Karl-May-Spiele in Bad Segeberg. Weil seine finanziell angeschlagene Stadt gegenwärtig einen harten Sparkurs fährt, war es für ihn kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt „Unter Geiern“ aufgeführt wird. Und auch Wirtschaftsminister Reinhard Meyer, der für den erkrankten Ministerpräsidenten Torsten Albig als Eröffnungsgast einsprang, hatte die Lacher auf seiner Seite. In Anspielung auf die 63. Saison am Fuße des Kalkbergs stellte er jovial fest, dass er die Karl-May-Spiele keinesfalls in Rente schicken möchte.

Es wäre auch schade. Der Auftakt in das neue Stück verlief furios. Ein brennender Einspänner fuhr in die Manege ein, und die Schurken setzten gleich darauf auch den Kutscher in Brand, der als brennende Fackel flüchtete. Wenig später tauchte aus den Nebelbergen der Geist des Llano Estacado auf – weißes Fell, Büffelkopf – um hoch zu schwarzem Ross Jagd auf die Räuber zu machen. Die dramatischen Elemente waren gelegt für „Unter Geiern – Der Geist des Llano Estacado“.

Zu den Guten gehören natürlich Winnetou und Old Shatterhand, zum zweiten Mal in Folge gespielt von Jan Sosniok und Wayne Carpendale. Ebenso wie der Apachenhäuptling durfte auch der weiße Blutsbruder zeigen, dass die Zeit als Greenhorn hinter ihm liegt. Souverän schwang er sich, nur mit einer Hand Halt suchend, in den Sattel. In seiner Rechten glänzt der gefürchtete Henrystutzen in der Abendsonne. Segebergs wilder Westen lebt eben auch von der Eleganz seiner Helden.

Nahezu ein Dutzend der Schauspieler verfügt über Bühnen- oder TV-Erfahrung, so stark war das professionale Element selten. Uwe Karpa etwa gibt dem Professor Hieronimus Zacharias Schmalfuß aus Sachsen komödiantisches Profil. Er feilt am „Anti-Bammel-Drank“, dem Mix gegen die Furcht, und kann mit seinen Nitroglycerin-Einlagen das Publikum erheitern. Harald Wieczorek schlüpft gleich in mehrere Rollen. Er stirbt als alter Komantschen-Häuptling Tevua-Schohe und als Ladenbesitzer John Helmers. Einzig als Diamantenhändler Mr. Leader überlebt er alle Gefahren, die im Llano Estacado drohen, weil die Bande der Llanogeier wieder einmal die wichtigen Markierungspfähle versetzt hat.

Der Chef dieser blutrünstigen Bande spielt ein Doppelleben. Als gottesfürchtiger Priester Burton erschleicht er sich das Vertrauen der Siedler, die er dann aber in die Fänge seiner Ganovenbrüder treibt. Und nur selten überlebt ein Opfer. Christian Kohlund (den man im Fernsehen als Markus Winter im „Traumhotel“ kennt) gibt beiden Rollen Profil: dem bibelfesten Prediger und dem kaltblütigen Mörder. Er findet sein Ende beim spektakulären Sturz aus der Höhe – auf das Stunt-Team ist Verlass.

Seinen ersten Auftritt bei den Karl-May-Spielen überhaupt hat Buffalo Bill. Drehbuchautor Michael Stamp hat – historisch natürlich nicht ganz korrekt – den Büffeljäger und späteren Indianerfreund mit seiner legendären Wildwest-Show in die „Geier“ hineingeschrieben. So kommt es, wenn Buffalo Bill (Joshy Peters) ein Gastspiel in den Llanos gibt, zu einer Show innerhalb der Show – Jonglage, Salto-Einlagen und Messerwerfen inklusive.

Bei der Premiere ist das Lampenfieber naturgemäß groß. Heidrun Fiedler (als Mary Helmers) musste in der Liebesszene mit Nicolas König (Bloody-Fox) improvisieren. Und auch manches Pferd scheute zunächst davor zurück, ins erleuchtete Rund einzureiten. Der Weißkopfadler „Cliff“ und die Weißrückengeierdame „Jimmy“ kannten diese Zurückhaltung nicht. Majestätisch schwebte „Cliff“ dicht über den Köpfen des Publikums in die Arena ein, auch „Jimmy“ drehte die gewünschte Runde über dem Marterpfahl.

Dass die Blutsbrüder Winnetou und Old Shatterhand alle Attacken im Llano Estacado heil überstehen und gemeinsam die Bösen zur Strecke bringen, ist selbstverständlich. Ihre Trennung am Ende des Stücks wird nicht von Dauer sein, denn: „Der Geist der Prärie wird uns wieder zusammenführen.“ Howgh, Karl May hat gesprochen – und der Applaus der 7500 Zuschauer im ausverkauften Stadionrund war allen Akteuren sicher.



>„Unter Geiern“ läuft bis zum 7. September immer donnerstags, freitags, sonnabends (15 und 20 Uhr) und sonntags (15 Uhr; Karten gibt es in allen sh:z-Geschäftsstellen).

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