Beamter gesteht Brandanschlag

Mit dem Feuer in einem Flüchtlingsheim in Escheburg wollte er den Einzug von irakischen Männern verhindern

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07. Mai 2015, 11:48 Uhr

„Die Anklage ist richtig“, sagt der Angeklagte. „Ich bekenne mich dazu. Ich schäme mich sehr und kann nicht begreifen, warum ich es getan habe. Meine Grundsätze als Beamter und Christ habe ich mit Füßen getreten.“

Mit Worten der Reue hat der Prozess um den Brandanschlag von Escheburg (Kreis Herzogtum-Lauenburg) begonnen. Wohl jeder der Zuhörer ist geneigt, dem Finanzbeamten und Familienvater mit dem akkurat gestutzten Bart und der sanften Stimme zu glauben. Bis Kim-Alexander M. (39) erzählt, was ihn getrieben hat. Plötzlich kriecht Unbehagen durch Saal 163 des Lübecker Landgerichts. Da ist einer, der sich als Stellvertreter für die Wut seiner Nachbarn präsentiert, einer der nicht allein war, obwohl er hier nun alleine sitzt. „Alle mit Kindern hatten Angst, die Frauen weinten“, sagt der Angeklagte. „Wir waren verzweifelt, dass so wenig Rücksicht auf uns Bürger genommen wird. Mit Ausländerfeindlichkeit hat das nichts zu tun.“

Die Staatsanwaltschaft wirft Kim-Alexander M. vor, am 9. Februar einen Kanister Pinselreiniger durch ein eingeschlagenes Fenster im Nachbarhaus geworfen und angezündet zu haben – um zu verhindern, dass am kommenden Tag sechs Flüchtlinge aus dem Irak einziehen.

Zuvor waren Bürger und Verwaltung wie zwei Züge auf demselben Gleis aufeinander zugefahren, jeder unfähig zu bremsen. „Nicht eine unserer Fragen wurde beantwortet, nicht eine einzige“, schildert Tanja B. (45) als Zeugin den Zorn. „Ich selbst habe daran gedacht, einen Wasserschlauch in das Haus zu legen und den Hahn aufzudrehen.“ Es habe keinen Plan für eine Integration der bis zu zwölf Männer gegeben, berichtet der Angeklagte, auf dessen lange Liste der Fragen auch diese stand: „Wer bringt denen bei, wann man den Müll rausstellt?“

„Niemand ist davor gefeit, in Schuld zu rutschen“, wird Christel Rüder, die Pastorin der Gemeinde, später auf dem Gerichtsflur sagen. Kurz vor der Tat hatten die Nachbarn Einbruchsspuren an der Flüchtlingsunterkunft begutachtet, die äußere Scheibe der Doppelverglasung war eingeschlagen. „Das war eine Genugtuung, siehste, jemand tut etwas“, sagt der Angeklagte. „Das hat mich nicht losgelassen, ich musste etwas machen.“ Er griff sich einen Hammer, um die Scheibe ganz einzuschlagen. „Als ich am Carport vorbeiging und dort den Kanister mit Pinselreiniger stehen sah, habe ich ihn wie in Trance genommen.“

Die Richterin will wissen: „Warum glaubten Sie, dass von den Asylbewerbern eine Gefahr ausgeht?“

Der Angeklagte erwidert: „Ich hatte Angst vor einer Masse von Männern, die nichts mit sich anzufangen wissen, die sich vielleicht nach Hamburg in den kriminellen Bereich orientieren, weil sie ja nicht arbeiten dürfen. Die, weil sie in Saft und Kraft stehen, Frauen belästigen. Die traumatisiert sind vom Krieg und vielleicht fundamentalistisch.“

„Woher hatten Sie die Information, dass man gebildeten Menschen wie Ärzten erklären muss, wie man den Müll rausbringt?“, hakt die Richterin nach.

„Die schiere Masse sind nicht nur Ärzte, das orientiert sich ja oft eher nach unten“, antwortet der Angeklagte.

Heute wohnt eine Großfamilie mit fünf Kindern in der Unterkunft, so wie es sich die Nachbarn als bessere Alternative gewünscht hatten. Pastorin Christel Rüder leitet den Helferkreis. „Der Fall zeigt, wie sorgsam mit Anwohnern umgegangen werden muss, wie viel Verantwortung der Staat hat, damit es nicht mit Türenknallen endet“, meint sie. Der Prozess wird Montag fortgesetzt.

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