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Schleswig-Holstein : Bauboom im Norden bringt Bombenentschärfer unter Druck

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Es gibt immer mehr Anträge auf Luftbildauswertung im Land. Die Experten bringt das an der Belastungsgrenze . Bis zu drei Monate Wartezeit muss in Kauf genommen werden.

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2014 | 12:02 Uhr

Mit ihren Kratern wirkt die Szenerie wie eine Mondlandschaft – würden nicht die Skelette von Häusern in die Höhe ragen. Das Luftfoto vom 14. April 1945 zeigt das Ostufer von Kiel, wegen seiner Werften Ziel zahlreicher alliierter Bomberangriffe.

Historische Bilder wie dieses geben noch heute ein Geheimnis preis – sie zeigen, wo Blindgänger im Boden liegen.

„Von den abgeworfenen Bomben sind zehn bis 20 Prozent nicht explodiert“, sagt Oliver Kinast (47), Leiter des Kampfmittelräumdienstes. Das Erbe des Krieges ist noch immer scharf; in Deutschland zünden jedes Jahr ein bis zwei Bomben, manchmal ausgelöst durch Bauarbeiten, manchmal ohne jeden Grund.

Systematisch gesucht wird nach den Blindgängern nicht. Wer aber heute in Kiel und 167 weiteren Kommunen im Land bauen will, muss einen Antrag zur Auswertung von Luftbildern stellen. 69 000 Aufnahmen liegen dem Kampfmittelräumdienst in Felde (Kreis Rendsburg-Eckernförde) vor, zuletzt hat das Land für 130 000 Euro zwei britische „Luftbildpakete“ erworben. Sie zeigen die Ziele vor und nach den Angriffen.

Die Verdachtspunkte auf den Fotos, geschossen aus 6000 Metern Höhe, sind winzig. Alan Bock (34), gelernter Vermesser, ist einer der drei Luftbildauswerter. Er sagt: „Blindgänger hinterlassen nur ein Loch von der Größe eines Kanalschachts.“ Bei der Auswertung hilft ihm deshalb eine 3D-Brille. Da die Fotos im Abstand von einer Sekunde gemacht wurden, ergeben zwei aufeinanderfolgende Aufnahmen wegen des leicht versetzten Blickwinkels ein dreidimensionales Bild. „So wird sichtbar, ob da ein Loch im Erdreich ist.“

Je Bauantrag analysieren die Experten 700 bis 800 Aufnahmen aus den Jahren 1939 bis 1946. Ziel ist es auch, zu erkennen, ob ein Blindgänger vielleicht bereits geräumt worden ist – denn die Dokumentation aus den Nachkriegsjahren ist nur unzureichend. Wenn nicht, werden die alten Bilder am Computer über aktuelle Aufnahmen gelegt. Block: „Damit haben wir dann die genauen GPS-Daten.“ Von den Verdachtspunkten haben sich in den vergangenen Jahren 17 Prozent als Treffer erwiesen, dort steckte also tatsächlich ein Blindgänger im Boden.

Durch den Bauboom ist die Zahl der Anträge auf Luftbildauswertung von 450 im Jahr 2007 auf jetzt 2700 Anträge gestiegen. Lag die Bearbeitungsdauer 2010 noch bei rund drei Wochen, sind es aktuell fast drei Monate. Der jüngste Fund der Luftbildexperten ist eine 250 Kilogramm schwere amerikanische Fliegerbombe im Kieler Stadtteil Holtenau. Sie soll heute entschärft werden. Aus Sicherheitsgründen müssen 2400 Menschen ihre Häuser verlassen. Auch die Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals werden gesperrt.

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