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Bahn und Busse fahren an Touristen vorbei

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erstellt am 25.Mai.2013 | 01:14 Uhr

kiel | "Urlauber nutzen den Nahverkehr im Land nur, wenn sie über ihn stolpern", sagt Bente Grimm vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) in Kiel. Bahnen und Busse spielen eine verschwindend geringe Rolle, wenn Urlauber und Tagesgäste zwischen List und Grömitz von A nach B wollen. Weil Gäste und Vermieter die Angebote kaum kennen und der Nahverkehr zu wenig auf die Wünsche von Urlaubern zugeschnitten ist.

Es gibt also viel zu tun, wenn Tourismushochburgen wie Sylt oder die Lübecker Bucht im Sommer nicht immer öfter durch Blechlawinen blockiert werden sollen. Ein Auftakt war das gestrige Fachforum "Tourismus und Nahverkehr" in der IHK Kiel, bei dem sich Akteure aus beiden Bereichen erstmals gemeinsam der Problematik widmeten.

Mehr als 90 Prozent der Schleswig-Holstein-Urlauber reisen mit dem Auto an, nur sieben Prozent mit der Bahn. Trotz durchschnittlich vier Ausflügen pro Urlaub nutzen auch während der Ferien nur 27 Prozent der Gäste den Nahverkehr. An die Ostsee reisen nur fünf Prozent der Urlauber mit dem Zug, an die Nordsee immerhin 14. Doch dieser Wert geht zum großen Teil auf die Sylt-Urlauber zurück, von denen der Löwenanteil mit dem Zug oder Autozug kommen muss. Diese Zahlen setzte Frank Simoneit von der Fachhochschule Westküste in Relation zur Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Demnach planen 19 Millionen Deutsche in den kommenden drei Jahren einen längeren und 25,5 Millionen einen kürzeren Urlaub in Schleswig-Holstein. Die Qualität der Zug- und Busverbindungen spiele für die Ausschöpfung dieses Potenzials eine immer größere Rolle. Wie groß der Nachholbedarf ist, ermittelte das NIT erstmals bei Workshops direkt mit Urlaubern in Husum, Scharbeutz und Ratzeburg. Fazit: Tarife, Fahrpläne und Komfort müssen verbessert werden. Denn anders als Menschen, die Bahn und Bus im Alltag nutzen, befördern Urlauber mehr Gepäck, reisen meist in Gruppen sowie zu anderen Tageszeiten. "Zudem ist für sie der Weg schon das Ziel. Sie wollen das Reisen genießen - möglichst mit Familien- oder Mehrtages-Tickets", zählt Grimm auf. Auch wenn die Bahn- und Buskonzepte auf diese Bedürfnisse nicht ausreichend zugeschnitten ist, sei das Angebot in den meisten Orten deutlich besser als sein Ruf. "Es ist nur nicht bekannt, welche Kombinationen, Vergünstigungen, Fahrzeiten oder gar Haltestellen es gibt." Dafür schoben sich Touristiker und ÖPNV-Vertreter gegenseitig die Verantwortung zu. Es bringe nichts, sich über unwissende Vermieter oder schlecht informierende Bahnunternehmen zu beklagen, sagte Christian Schmidt, Chef der Tourismusagentur Schleswig-Holstein. "Besser können wir es nur gemeinsam hinkriegen - mit lokalen Lösungen", betont Schmidt. "Unser Angebot ist gut, aber bei der Information haben wir eine Bringschuld", räumte Bernhard Wewers, Geschäftsführer der landesweiten Verkehrsservicegesellschaft (LVS), in der von sh:z-Redakteur Frank Jung moderierten Diskussion ein. Ein Mobilitätsberater, unter dessen Regie Nahverkehr vor Ort bekannter und optimiert wird, wurde von allen befürwortet.

Trotz Handlungsbedarf gibt es bereits positive Beispiele, wie das "Fahrtziel Natur", bei dem sich Schleswig-Holstein, Niedersachsen und die Deutsche Bahn für eine Klima neutrale Anreise ins Weltnaturerbe Wattenmeer einsetzen. "Die Nachfrage nach solchen Angeboten steigt, wie auch der Wunsch, das Auto im Urlaub stehen zu lassen. Diese Chance muss genutzt werden", sagt Schmidt.

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