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Hilflose Bürger : Bagatell-Einsätze nerven die Feuerwehr in SH

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Zwei Zentimeter Wasser im Keller, Rauchmelder ohne Batterie – immer häufiger werden die Helfer wegen Kleinigkeiten alarmiert.

Kiel | Partygäste lassen die Feuerwehr anrücken, weil sie das Piepen eines Rauchmelders nervt, bei dem die Batterie leer ist: Dieser aktuelle Fall aus Pinneberg ist symptomatisch für einen Trend, der die Brandschützer im Land zunehmend beschäftigt. Immer öfter werden sie mit Bagatellen behelligt, weil sich Bürger nicht mehr selbst zu helfen wissen.

„Über die letzten 20 Jahre ist diese Entwicklung kontinuierlich gewachsen“, beobachtet etwa Fritz Kruse, Vize-Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbands Rendsburg-Eckernförde, vom Einzugsgebiet her die größte Organisation landesweit. „Die Feuerwehr wird zunehmend als Dienstleistungsunternehmen verstanden. Mitunter fragen wir uns nach einem Einsatz dann schon: Was sollte das denn jetzt?“

Was nach Beobachtung der Blauröcke nämlich immer weniger Menschen bewusst ist: Mit Ausnahme der vier Berufsfeuerwehren in Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster sind es stets Ehrenamtler, die bei einem Alarm alles stehen und liegen lassen. Oft kommen sie aus dem Bett oder vom Arbeitsplatz. Je größer eine Gemeinde, so Kruse, desto weniger Menschen sei dies klar.

Oft rücken gleich 16 bis 20 Leute aus, erklärt der Kreisbrandmeister von Schleswig-Flensburg, Mark Rücker. Insbesondere in den 30 bis 40 Prozent der Orte, die ausschließlich über die Sirene und nicht über Meldeempfänger alarmieren, lasse sich bei weniger dramatischen Situationen nur eine geringere Zahl von Einsatzkräften verständigen. Sofern sich auf die Schnelle überhaupt vor dem Ausrücken klären lässt, ob es sich um eine Lappalie handelt. Nicht immer lassen sich die Ausmaße eines Vorfalls auf Anhieb abschätzen.

Und bei Wetterlagen wie etwa Orkan, wo sich die Anrufe in den Leitstellen summieren, sollen die Leitungen nicht durch allzu lange Gesprächsdauer für weitere Hilfesuchende blockiert werden. Mitunter werden die Wehren verständigt, wenn gerade einmal zwei Zentimeter Wasser in einem Keller stehen. Das Lenzen ist allein in Rendsburg-Eckernförde von 2013 auf 2014 von 149 auf 291 Fälle gestiegen. Vor einem Jahrzehnt lagen die Werte zwischen 50 und 80 pro Jahr.

Ein anderes inflationäres Szenario laut Mark Rücker aus Schleswig-Flensburg: „Baum auf Straße.“ Nicht nur nach Stürmen, auch wenn es stärker geschneit habe und die weiße Last auf Äste drückt, schnelle die Zahl dieser Fälle nach oben. „Oft entpuppt sich das nur als Busch oder Geäst, das man auch selbst zur Seite ziehen kann“, sagt Rücker. Er erklärt den Trend auch mit einem technischen Grund: „Fast jeder hat unterwegs ein Handy dabei und ruft an, wenn er irgendwo etwas sieht.“

Der Gemeindewehrführer von Eutin, Heino Kreuzfeldt, appelliert an seine Kameraden in solchen Situationen: „Wenn keine unmittelbare Gefahr besteht, lasst das Ding liegen. Straße absperren und gut. In 95 Prozent dieser Fälle gibt es eine Möglichkeit, die Gefahrenstelle zu umfahren.“ Dann könnten die für die Straße zuständigen Behörden von Kommune, Kreis oder Land später in aller Ruhe selbst oder mit einer beauftragten Fachfirma tätig werden. Auch das Beseitigen von Ölspuren sei eigentlich Aufgabe des Straßenbaulastträgers. „Sollte Öl in die Kanalisation laufen, sind wir sicherlich zuständig, hier die ersten Maßnahmen zu treffen, um eine Ausbreitung zu verhindern“, schränkt der Eutiner ein. „Aber das war’s dann auch. Dann muss die Straße eben mal für einige Zeit gesperrt werden, bis die Straßenmeisterei aufschlägt.“

Alles in allem vergeudeten die Wehren in solchen Fällen zu viel Energie, meint Kreuzfeldt. Sein Schleswiger Kollege Rücker warnt: Letzten Endes werde dadurch die Lust am Ehrenamt in Mitleidenschaft gezogen. Und die Geduld vieler Arbeitgeber, ergänzt der Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes, Holger Bauer. Diese müssten die Feuerwehrleute schließlich stets Knall auf Fall freistellen.

Und der Ärger mit Rauchmeldern wie in Pinneberg? Die Zahl der Fehlalarme mit diesem Hintergrund pendelt laut Bauer in den letzten Jahren zwischen 5000 und 6000 landesweit. Besonders oft betroffen seien die Urlaubsregionen. In Ferienwohnungen sei der Besitzer naturgemäß oft nicht da, wenn ein Rauchmelder per Piepen eine leere Batterie verkündet. Nachbarn aus anderen Wohnungen schlügen dann oft Alarm, auch weil sie den Piepton der Batterie selten von dem andersartigen Geräusch bei Rauchentwicklung unterscheiden könnten.

Dennoch: Sowohl Bauer als auch seine Feuerwehr-Kollegen betonen mit einem dicken Ausrufezeichen: „Sicher sollte die Feuerwehr mit Augenmaß gerufen werden – aber trotz allem lieber einmal zu viel als zu wenig.“

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erstellt am 02.Mär.2015 | 16:35 Uhr

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