Räuberjagd : Amerika als Vorbild für Polizei in SH

Auf einem Testgelände in Nordrhein-Westfalen wirft ein Beamter die in einem Wurfschlauch verpackten „Stop-Sticks“ auf die Fahrbahn.  In der Hand hält er die Seilrolle, mit der sie in Position gezogen werden.
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Auf einem Testgelände in Nordrhein-Westfalen wirft ein Beamter die in einem Wurfschlauch verpackten „Stop-Sticks“ auf die Fahrbahn. In der Hand hält er die Seilrolle, mit der sie in Position gezogen werden.

Verbrechern soll die Luft ausgehen: Bei der Jagd auf Bankräuber oder Autodiebe werfen Polizisten in Schleswig-Holstein bald „Reifentöter“ vor die Wagen. Deren Aussehen erinnert an eine Schokoladen- Verpackung.

shz.de von
05. November 2013, 00:33 Uhr

Kiel | Schleswig-Holsteins Polizei rüstet erneut auf – und zwar nach amerikanischem Vorbild. Statt Nagelketten sollen künftig sogenannte „Stop Sticks“ im Notfall Autoreifen durchlöchern.

Der „Reifentöter“ wurde von einem US-Hersteller erfunden. Bereits im August hatte die Landespolizei angekündigt, alle neuen Streifenwagen mit US-Sirene, „Yelp“ genannt, und rotem Blinklicht auszustatten. Der jaulende Heulton und das Licht bedeuten: sofort anhalten. Flüchtende müssen also nicht mehr überholt werden. Nun wird die Amerikanisierung fortgesetzt. Sollte ein Fahrer auf dem Gas bleiben, können Beamte die „Stop Sticks“ einsetzen. „Es werden zunächst neun der neuen Streifenwagen damit ausgerüstet“, sagt Jürgen Börner, Sprecher im Landespolizeiamt. Im Dezember sollen sie vorgestellt werden.

„Stop Sticks“ sind einen Meter lange Plastikstäbe, die aussehen wie die Verpackung der Schokoladenmarke Toblerone. Im Inneren ragen 36 angespitzte Röhrchen in alle drei Richtungen. Der Vorteil der Form des Dreieck-Prismas: Egal mit welcher Seite der „Stop Stick“ auf der Straße landet – immer zeigt eine „Nagelreihe“ nach oben. Je drei „Stop Sticks“ sind miteinander verbunden, können also drei Meter Asphalt abdecken. Das Set soll rund 150 Euro kosten.

Während herkömmliche Nagelketten über die Straße gezogen werden müssen, was nicht immer ungefährlich ist, werden die deutlich leichteren „Stop Sticks“ geworfen. Mit Hilfe einer Schnur kann der Beamte sie blitzschnell in die richtige Position und nach dem Überfahren wieder von der Straße ziehen. So soll vermieden werden, dass die verfolgenden Streifenwagen oder der nachfolgender Verkehr ebenfalls Plattfüße bekommt.

Und so geht den Verbrechern die Luft aus: Ab einem Gewicht von 400 Kilogramm wird der dreieckige Plastikstab zusammengedrückt, die hohlen Röhrchen bohren sich in den Reifen, brechen ab und bleiben stecken. Im Gegensatz zur alten Technik, bei der Reifen oft platzten und sich der Fluchtwagen im schlimmsten Fall überschlug, entweicht die Luft sehr langsam. Erst nach fünf bis zehn Sekunden hat das Auto einen Platten. Dadurch verliere der Fahrer nicht die Kontrolle über das Fahrzeug, betont der Hersteller.

In den USA wurden „Stop Stricks“ erstmals vor zwölf Jahren eingesetzt, um einen gekaperten Schulbus ohne Waffengewalt zum Stehen zu bringen. In Deutschland wird die neue Technik in etlichen Bundesländer bereits genutzt, teilweise seit vielen Jahren. In Niedersachsen konnten „Stop Sticks“ einen Tankbetrüger aufhalten, der mit Tempo 200 mehrere Polizeiabsperrungen durchbrochen hatte.

In Schleswig-Holstein ist der „Stop Stick“ gestern in der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung in Eutin Beamten vorgestellt worden. Überflüssig werden könnte durch die neue Technik auch eine andere Methode, Flüchtige zu stoppen: der künstlich provozierte Stau. Er ist in Deutschland umstritten, da er bereits mehrfach zu schwersten Unfällen geführt hat.

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