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Agrar- statt Bildungsdialog

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erstellt am 29.Mai.2013 | 01:14 Uhr

neumünster | Wenn Bauern ein Mitglied der Landesregierung einladen, dann ist das normalerweise Landwirtschaftsminister Robert Habeck. Gestern jedoch war es Bildungsministerin Waltraud Wende, die am Stadtrand von Neumünster auf dem Hof von Carsten Dahmke ihrer Dienstlimousine entstieg. Aber es war auch kein Besuch im Rahmen einer Ressort-Zuständigkeit, sondern die schleswig-holsteinische Variante des Gangs nach Canossa: Nachdem sich der Bauernverband durch eine Äußerung der parteilosen Ministerin zur Massentierhaltung verunglimpft fühlte, hatte sich die bekennende Vegetarierin bereit erklärt, die betriebliche Praxis von Innen kennenzulernen. Statt Bildungs- eine Stunde lang Agrardialog.

Auslöser war der schon legendäre Abend Anfang Mai in Schleswig-Holsteins Berliner Landesvertretung, bei dem der parteilosen Neu-Politikerin die Zunge gleich in zweifacher Hinsicht locker saß. Nicht allein hatte Wende bei dem Termin eine Debatte darüber losgetreten, ob Lehrer in den Ferien zu wenig arbeiten. Zugleich hatte sie dort geäußert, sie finde es "scheiße", dass es bei den Kabinettssitzungen Fleisch aus Massentierhaltung statt aus ökologischer Aufzucht gebe. Inzwischen hat sie eine Umstellung auf bio durchgesetzt.

"Ich gebe zu: Ich bin Massentierhalter, und ich bin es gern", bietet ihr nun Carsten Dahmke gestern die Stirn. Massentierhaltung könne man schließlich auch gut machen. Und in der Tat sieht es bei dem Jungbauern auch gar nicht nach dem Klischee aus, das viele mit Agrar-Industrie in Verbindung bringen. Die 270 Kühe leben in einem Liegeboxen-Laufstall. Der ist halb nach draußen geöffnet, bietet dadurch viel Luft und Licht und Platz. Das sei keine Ausnahmeerscheinung, sondern Standard, betont Bauernpräsident Schwarz. 90 Prozent der der konventionellen Betriebe mit Rinderhaltung in Schleswig-Holstein seien so ausgestattet.

Wende versucht sich zu winden: Sie habe ihre Äußerungen ja gar nicht in Schleswig-Holstein, sondern in Berlin getätigt. Auch habe sie nicht speziell das nördlichste Bundesland, sondern ganz Deutschland im Blick gehabt. Es sei ihr auch um eine stärkere Wertschätzung von Nahrungsmitteln allgemein gegangen. Bei den Kabinettssitzungen "haben wir immer Berge bekommen, die wir gar nicht aufessen konnten."

Besonders über die Schweinemast entspinnt sich ein nicht spannungsfreier Wortwechsel mit dem Bauernpräsidenten. Wende fragt: Da sehe es doch nicht so rosig aus mit Möglichkeiten, dass sich die Tiere auf dem Stallfußboden in natürlichen Materialien wälzen, könnten, oder? Immerhin müsse man doch bedenken, dass ein Schwein intelligenter sei als ein Hund. "Bitte nicht diese Kindergeschichten lostreten", appelliert Schwarz, selbst Schweinezüchter. Ein Schwein suhle sich nicht, weil es dazu ein natürlich Bedürfnis habe, sondern nur, um etwa Insekten loszuwerden, die es auf der Haut jucken.

Obwohl ihr Staatssekretär Rolf Fischer schon vor zehn Minuten gedrängt hat: "Wir können dann auch langsam", versucht Wende doch noch ausgiebig, Kontakt zu denjenigen aufzunehmen, um die es eigentlich geht: den Kühen. Fleisch, egal ob bio oder konventionell, werde sie auch künftig nicht essen, "weil ich möchte, dass die eigentlich alle auf der Weide sind", hält die Ministerin zum Abschluss fest.

Aber ebenso: "Was ich gelernt habe, ist, dass es nicht mein Ressort ist." Nächstes Mal wird also wieder der Landwirtschaftsminister kommen. Die Bilanz des Bauernpräsidenten: "Wir haben eine kleine Umdrehung beim Zahnrad geschafft."

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