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Abi-Streich: Massenhysterie nach Party-Abbruch

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2014 | 18:12 Uhr

Alles nur eingebildete Kranke, die aus unbegründeter Angst hysterisch wurden? So jedenfalls erklärten Ärzte, Polizei und Schulbehörde gestern den dramatischen Zwischenfall am Hamburger Gymnasium Bondenwald vom Donnerstag. Nach einem Abistreich hatten dort 45 jüngere Schüler über Vergiftungserscheinungen geklagt, 32 von ihnen kamen ins Krankenhaus. Anders als zunächst vermutet, hatten die Kinder im Alter zwischen zehn und 14 Jahren jedoch keinerlei Rauschmittel im Blut. Franz Jürgen Schell von den Asklepios-Kliniken: „Die Untersuchungen auf Drogen und Alkohol waren negativ.“ Einige Schüler hätten zwar Symptome wie vergrößerte Pupillen aufgewiesen. Diese ließen sich aber auch auf Aufregung zurückführen. Schell: „Im Raum steht eine kollektive Massenhysterie.“ Diesen Schluss ziehen auch die Mediziner des Uniklinikums Eppendorf (UKE), wo die meisten der Kinder versorgt wurden. Das toxikologische Institut des UKE hat zudem die bei der Abifeier beschlagnahmten Softdrink-Flaschen auf die Ursache für Symptome wie Übelkeit und Kopfschmerzen untersucht – ohne etwas Verdächtiges zu finden.


Fatale Kettenreaktion nach Fund von leerer Wiskeyflasche


Die allermeisten Schüler hatten die Kliniken schon am Donnerstagnachmittag wieder verlassen können; die letzten vier kamen gestern nach Hause. Sollte es tatsächlich eine bloße psychische Übersteigerung gewesen sein – es wäre die zahlenmäßig größte, an die sich Hamburger Ärzte erinnern können. Wie konnte kam es dazu kommen, dass sich Dutzende sterbenskrank fühlten, obwohl dazu objektiv kein Anlass bestand?

Peter Albrecht, Sprecher von Schulsenator Ties Rabe(SPD), rekonstruiert den Ablauf so: An dem Niendorfer Gymnasium hatte der Abgangsjahrgang am Donnerstagvormittag eine – vorgezogene – Abifeier veranstaltet. Motto: „Porno“. Schülerinnen erschienen in Lack, Leder und Strapsen, Jungs als coole Rapper und Zuhälter. Offenkundig fand einer der Teilnehmer, dass zur Ausstattung der anrüchigen Party unbedingt auch Alkohol gehört. Jedenfalls entdeckten Lehrer eine Whiskeyflasche ohne Inhalt. Ob diese von Schülern heimlich getrunken oder schon leer mitgebracht wurde, ist offen. Sprecher Albrecht: „Der Fund der Whiskeyflasche war der Grund für den Abbruch des Abistreichs.“ Die Schulleiterin habe die Feier per Lautsprecherdurchsage für beendet erklärt – ohne Angabe von Gründen.

Dennoch könnte der plötzliche Abbruch eine fatale Kettenreaktion in Gang gesetzt haben. Auch Schüler der unteren Jahrgänge waren anwesend und hatten aus den Fanta- und Colaflaschen getrunken. Mutmaßlich verbreitete sich unter den Fünft- bis Achtklässlern das Gerücht, die Getränke hätten Hochprozentiges enthalten. Als ein erster Junge über heftige Übelkeit klagte, riefen Lehrer Krankenwagen und Notarzt. Der Rettungseinsatz löste offenbar bei immer mehr Kindern das Gefühl aus, selbst etwas Giftiges zu sich genommen zu haben. Gerade in der Pubertät, so erklärt Mediziner Schell, seien solchen kollektiven Überreaktionen nicht ungewöhnlich. Am Ende stand ein Großeinsatz mit 50 Rettern und 30 Fahrzeugen.

Für die Strafermittler ist die Sache erledigt. Polizeisprecher Holger Vehren: „Der Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung hat sich nicht bestätigt.“ Die Schulbehörde attestiert den Bondenwald-Verantwortlichen, korrekt reagiert zu haben. Peter Albrecht: „Gesundheitliche Probleme dieses Ausmaßes müssen auf jeden Fall ernst genommen werden. Hier darf die Schule kein Risiko eingehen.“ Die Schulleiterin habe nur einen einzigen Krankenwagen angefordert – alles Weitere hätten die Rettungssanitäter veranlasst.

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