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38 Tage zwischen Triumph und Untergang

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Die Flotte ist eine alte liberale Forderung. Wer das neue industrielle Deutschland will, der muß die Flotte wollen. In diesem Punkt ist unser Kaiser ganz modern“, notierte Friedrich Naumann 1900. Der liberale Stammvater beschrieb das damalige nationaldeutsche Phänomen der Marine-Leidenschaft, welches Wilhelm II. mit seiner Losung „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“ auf den Punkt brachte. Selbst Intellektuelle, wie der Soziologe Max Weber, begeisterten sich für die Marinerüstung: „…bitter not ist uns eine starke deutsche Flotte.“

Der 1898 gegründete deutsche Flottenverein zählte bald über eine Million Mitglieder. Regelmäßig wurden Großkampfeinheiten auf Kiel gelegt, Stapelläufe mit militärischem Prunk gefeiert. Mit Erfolg: 1914 galt die Kaiserliche Marine nach der britischen Royal Navy und vor den amerikanischen Seestreitkräften als zweitstärkste Marine der Welt. Diese enorme Aufrüstung forderte Großbritannien als damals führende Seemacht heraus und führte zu einem regelrechten Deutsch-Britischen Flottenwettrüsten. Dieses verschärfte die Spannung zwischen den Großmächten und trug zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges bei. Im August 1914 zählte die deutsche Hochseeflotte 36 Linienschiffe, vier Schlacht- sowie 19 Große und Kleine Kreuzer. Dass die Flotte im Krieg weitgehend wirkungslos blieb, war vor allem der geopolitischen Lage der deutschen Küsten und dem Fehlen großer überseeischer Flottenstützpunkte geschuldet.

Trotzdem gelangen den deutschen Verbänden, gerade in den ersten Kriegswochen, überraschende Erfolge. Einen regelrechten Schock in England löste das Seegefecht von Coronel vor 100 Jahren aus. In den damals neutralen chilenischen Gewässern versenkte das deutsche Ostasiengeschwader unter Vizeadmiral Maximilian Graf von Spee mit den Großen Kreuzern „Scharnhorst“ und „Gneisenau“ sowie den Kleinen Kreuzern „Leipzig“ und „Dresden“ das britische Geschwader unter Admiral Sir Christopher Cradock mit den Panzerkreuzern „Good Hope“ und „Monmouth“. 1700 britische Marinesoldaten starben, darunter auch der Geschwaderchef.


Kriegskunst


Spee gelang es, seine Schiffe in eine überlegene Feuerposition zu manövrieren. Um 18.20 Uhr setzte die Dämmerung ein, wodurch sich die britischen Schiffe im Westen deutlich vom Abendhimmel abhoben, während die deutschen Kreuzer im Osten nahezu unsichtbar wurden. Außerdem konnten die Briten nur zwei einzelne 23.4-cm-Geschütze der „Good Hope“ zum einsatz bringen, die Deutschen aber insgesamt 16 ihrer 21-cm-Geschütze. Um 18.34 Uhr eröffneten die Deutschen auf elf Kilometer das Feuer. Die „Scharnhorst“ und die „Gneisenau“ feuerten auf die britischen Panzerkreuzer, die „Leipzig“ auf die „Glasgow“ und die „Dresden“ auf „Otranto“. Schon mit der dritten Salve erzielte die „Scharnhorst“ auf der „Good Hope“ einen Treffer. Innerhalb von fünf Minuten wurden der vordere Geschützturm der „Monmouth“ und der Kommandostand der „Good Hope“ zerstört. Bereits um 19.23 Uhr explodierte das britische Flaggschiff, 90 Minuten später versank die „Monmouth“. Die beiden britischen Kreuzer „Glasgow“ und „Otranto“ konnten schwer beschädigt entkommen.


London geschockt


Die Verantwortung für die erste Niederlage der Royal Navy nach der Schlacht bei Plattsburgh 1812 gegen die USA wurde auf britischer Seite dem Ersten Seelord Prinz Ludwig Alexander von Battenberg angelastet, der auch wegen seiner deutschen Wurzeln zum Rücktritt gedrängt wurde. Der damalige Marineminister und spätere Ministerpräsident Winston Churchill entsandt die beiden besten verfügbaren Schiffe unter Admiral Frederik Doveton Sturdee in den Atlantik. Am 7. Dezember 1914 erreichten die britischen Schlachtkreuzer „Inflexible“ und „Invincible“ (Hauptbewaffnung: je acht Geschütze Kaliber 305 mm) die Falklandinseln. Dort vereinigte er sich mit dem Kreuzergeschwader unter Konteradmiral Stoddart. Dieses bestand aus den Panzerkreuzern „Carnarvon“, „Cornwall“ und „Kent“ sowie den Leichten Kreuzern „Glasgow“ und „Bristol“.

Damit waren die Briten dem Geschwader von Spee weit überlegen, zumal die beiden deutschen Panzerkreuzer bereits 42 Prozent ihrer 21-cm-Munition verschossen und keine Ersatzmöglichkeit hatten. Am 8. Dezember 1914 trafen die Verbände vor Port Stanley aufeinander. Um 7.50 Uhr erkannte der Ausguck der „Gneisenau“ nicht nur die zahlreichen Kriegsschiffe im Hafen der Insel, sondern auch die charakteristischen Dreibeinmasten der britischen Schlachtkreuzer. Um 9.20 Uhr feuerte die „Canopus“ mit maximaler Rohrsteigung eine 30,5-cm-Salve gegen die deutschen Schiffe, die daraufhin abdrehten. Erst um 12.55 Uhr konnten die britischen Schiffe das Spee-Geschwader einholen und aus 5,5 Kilometern Entfernung das vernichtende Feuer eröffnen. Allein die britischen Schlachtkreuzer verschossen knapp 1200 Granaten Hauptkaliber. Um 21.23 Uhr sank mit dem Kleinen Kreuzer „Leipzig“ das letzte deutsche Schiff, über 2200 Matrosen fanden den Tod. Mit der Versenkung des Ostasiengeschwaders und dem Tod des Oberkommandierenden, Graf Spee, endete der deutsche Kreuzerkrieg in Übersee. Nur der Kreuzer „Dresden“ operierte noch drei Monate in den Gewässern, wurde jedoch dann bei den Juan-Fernández-Inseln gestellt und versenkt.

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erstellt am 02.Nov.2014 | 18:54 Uhr

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