20 Bewertungen im Fach Deutsch

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Diskussion um Grundschulzeugnisse – Lehrer erklären die Beurteilung ohne Noten

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30. Januar 2015, 19:20 Uhr

Deutsch: Note 3. Ende der Durchsage. Noch vor einem Jahr wäre allein diese Ziffer für die Bewertung der Leistungen eines Grundschülers in Schleswig-Holstein ab der dritten Klasse maßgeblich gewesen. Doch in der Bürgerschule in Husum gibt es nun allein für dieses Fach in der Klassenstufe 3 insgesamt 20 Bewertungskriterien. Darunter finden sich Punkte wie „erkennt einzelne Wortarten“, „schreibt Diktate fehlerfrei“ oder „kann sich in Wörterlisten orientieren“. In einer Bewertungsskala kreuzt der Lehrer bei diesem Verfahren dann eine von vier verbindlich vorgegebenen Möglichkeiten an. In Husum sind jene deklariert als „selten“, „teilweise“, „überwiegend“ und „(fast) immer“. Weitere Anmerkungen in handgeschriebenen Sätzen sind außerdem möglich.

Die Husumer Bürgerschule geht diesen neuen Weg basierend auf der Grundschulverordnung der Landesregierung vom vergangenen Sommer. Die sieht neben den Klassenstufen 1 und 2 nun auch eine Bewertung von Schülern der dritten und vierten Klassen in Berichts- oder eben auch Ankreuzform vor. „Wir haben diesen Schritt mit unseren Kollegen und den Eltern ausführlich diskutiert und uns letztlich mehrheitlich dazu entschlossen“, berichtet Lehrerin Ines Laudahn. „Durch dieses Vorgehen können die Leistungen eines Kindes viel gezielter, differenzierter und detaillierter in einem Zeugnis festgehalten werden“, so die Pädagogin. „Was kann das Kind schon – und was muss es noch lernen?“

Nicht nur die klassischen Grundschulfächer wie Deutsch, Mathe, Sport oder Kunst werden in dieser Weise bewertet, sondern auch das allgemeine Lernverhalten. Hier stehen Organisation, Lern- und Leistungsbereitschaft sowie Selbstständigkeit mit insgesamt 22 Unterpunkten zur Beurteilung an. „Früher ist das alles in die Fachnote mit eingeflossen, jetzt werden diese Dinge losgelöst von den Fächern viel differenzierter bewertet und es kann bei Bedarf gezielter eingegriffen und korrigiert werden“, erklärt Ines Laudahns Kollege Martin Leeb. Auch für das Sozialverhalten des Kindes gibt es in Husum 14 Unterpunkte, zu denen Kriterien wie „kann auf andere eingehen“, „hält sich an Regeln und Absprachen“ oder „urteilt nach sachlichen Argumenten“ zählen. „Diese Art der Bewertung macht für die Eltern total transparent, wo ihr Kind steht“, so Leeb. Eine Note 4 in Deutsch sage schließlich nicht viel darüber aus, dass ein Kind mit Schwierigkeiten beim Lesen andererseits toll sprechen und zuhören kann. Und wer bei Mathe in Geometrie schwächelt, aber eine Leuchte im Kopfrechnen ist, solle wissen, wo die Ziele gesetzt werden müssen. „Die Stärken und Schwächen werden viel deutlicher herausgestellt.“

Probleme sehen die beiden Grundschullehrer manchmal im Kontakt mit Eltern nicht deutscher Herkunft. „Diese Zeugnisse beinhalten ja viel Schrift, wenn es da Verständnisschwierigkeiten gibt, sind Noten natürlich eindeutiger“, so Laudahn. Allerdings würden ohnehin mit allen Eltern Einzelgespräche zu den Zeugnissen geführt. „Bei Bedarf wird auch ein Dolmetscher organisiert.“

Ein Dorn im Auge sind Martin Leeb die weggefallenen Empfehlungen für die weiterführenden Schulen, die nun durch einen zusätzlichen standardisierten Ankreuzbogen ersetzt wurden. „Viele der Punkte haben wir auch in unserem Zeugnis – aber bei uns sind sie viel besser differenziert“, so Martin Leeb. Den 20 Husumer Unterpunkten zum Fach Deutsch stünden hier etwa nur fünf gegenüber. „Wir können den Sinn in diesem Bogen nicht erkennen, unsere Zeugnisse sind besser.“

Trotz aller Differenzierungsmöglichkeiten – sowohl Martin Leeb als auch seine Kollegin Ines Laudahn würden sich eine landesweite Vereinheitlichung der Bericht- oder Ankreuzzeugnisse in Bezug auf die Kriterien und Bewertungsstufen wünschen.  

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