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Zukunft der medizinischen Versorgung : Mega-Kliniken: Dänemarks Antwort auf den demografischen Wandel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

18 große Krankenhäuser sind Dänemarks Antwort auf den demografischen Wandel. Ein Modell für SH?

shz.de von
erstellt am 15.Feb.2017 | 06:22 Uhr

Aarhus | Nordfrieslands Landrat Dieter Harrsen hatte große Pläne. Seine drei sanierungsbedürftigen, defizitäten Kliniken in Husum, Tönning und Niebüll wollte er durch einen zentralen Neubau in Bredstedt ersetzten. Kostenpunkt 65 Millionen Euro. Doch sein Plan ist vom Tisch. Die Fraktionen im Kreistag wollen stattdessen die bestehenden Häuser in Husum und Niebüll auszubauen und dafür 50 Millionen Euro locker machen. Der Protest von Bürgern, Verbänden und Kommunalpolitikern war einfach zu groß. Mit dem Bürgerentscheid will sich die Kreispolitik Rückendeckung für ihren umstrittenen Sanierungsplan der Kliniken holen.

Wie alle westlichen Industrienationen sucht auch Dänemark nach Antworten auf den demografischen Wandel mit mehr älteren und chronisch kranken Menschen. Schon heute dauert der Klinikaufenthalt im Königreich im Schnitt nur 3,8 Tage, in Deutschland sind es 7,8.

Während hierzulande in kleineren Dimensionen gedacht wird, denkt Dänemark ganz groß. Das kleine Königreich krempelt seine Krankenhauslandschaft komplett um und will in den kommenden zehn Jahren 18 Superkrankenhäuser aufbauen – darunter völlig neue Standorte auf grüner Wiese. Dafür nimmt Dänemark 5,7 Milliarden Euro in die Hand – das entspricht gut 1000 Euro für jeden der 5,6 Millionen Einwohner. Derzeit entsteht etwa in Aarhus eine solche hochmoderne Superklinik für 4000 Patienten. Auch in Aalborg, Gødstrup, Odense, Køge und Hillerød entstehen neue Megakliniken. Die Dänen sind überzeugt, dass sich die Kosten für das Gesundheitswesen senken lassen, ohne dabei die Qualität zu verschlechtern.

„Natürlich kann man die dänischen Strukturen nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen“, gibt Armin Tank vom Landesverband der Ersatzkassen in Kiel zu. Als kleines Land falle es den Dänen leichter, neue Strukturen mit kurzen Entscheidungswegen aufzubauen. Bei einer Klinik pro 250.000 Einwohner nach dem dänischen Modell würden im Bundesgebiet noch 330 der heute 2200 Kliniken übrig bleiben – in Schleswig-Holstein zwölf von 73. „Solch eine Radikalkürzung ist hier niemals machbar“, weiß Tank. Die Zahl sei eher als Denkanstoß zu verstehen. Denn auch hierzulande müsse sich etwas grundsätzlich ändern. Zu viele private und öffentliche Mitspieler verfolgten ihre Interessen.

Ziel der Kopenhagener Regierung ist es, das Gesundheitssystem noch stärker zu digitalisieren, zu vernetzen und auf eine ambulante Behandlungsweise hin auszurichten. Rund ein Fünftel der Investitionssumme von 5,7 Milliarden Euro für die Superkliniken wird deshalb für Medizin- und EDV-Technik ausgegeben. Kliniken und Hausärzte tauschen schon heute medizinische Daten über die elektronische Gesundheitskarte aus – an einem ähnlichen System doktert Deutschland schon seit zwölf Jahren herum. Schon heute können die Dänen ihren Arzt über ein Tele-Monitoring-System von zu Hause aus konsultieren und demnächst werden E-Health-Lösungen auch in die Heimpflege und Rehabilitation integriert – zum Beispiel, indem Bürger im virtuellen Kontakt mit Fachkräften daheim ihre Rehaübungen machen.

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen: Die Baukosten würden davonlaufen, die wenigen Megakliniken würden unpersönlich, und irgendwann stünden Patientenbetten auf den Fluren. Zwölf Prozent der Bevölkerung, müssten künftig mehr als 30 Kilometer bis zur nächsten Klinik fahren.

Rudolf Henke von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund spricht deshalb von einem „Kettensägenmassaker“. Auch Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) ist skeptisch: „Ein staatliches Gesundheitssystem wie in Dänemark bringt aus planerischer Sicht zwar Vorteile, ist jedoch mit deutlichen Beschränkungen für Patienten verbunden“. Die Praxis zeige, dass die staatliche Patientenzuteilung mit deutlichen Wartezeiten einhergehe und die freie Arztwahl im stationären Bereich stark einschränkt sei. „Einen solchen Systemwechsel lehne ich daher ab.“ Kritiker verweisen zudem darauf, dass bundesweit in den vergangenen 20 Jahren schon 110.000 Betten abgebaut wurden – trotz steigender Patientenzahlen.

Kassenarzt-Chef Andreas Gassen sieht trotzdem Handlungsbedarf: Er hält 500 Krankenhäuser in Deutschland für entbehrlich und verweist darauf,dass gerade kleine Häuser finanziell unter Druck stehen und deshalb unnötige Therapien ansetzten. Darauf hatte zuvor schon die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hingewiesen und deutliche Sympathien für das dänische Modell geäußert. Für den Marburger Bund sind die Wissenschaftler weltfremd. „Übertragen auf Deutschland würde das dänische Modell 80 Milliarden Euro kosten“, sagte Henke. Angesichts der von den Ländern pro Jahr bereitgestellten Investitionsmittel von 2,7 Milliarden Euro lebten die Wissenschaftler der Leopoldina in einer „Fantasiewelt“.

In diesen Clinch der Mediziner und ihrer mächtigen Interessenvertreter will sich Alheit offenbar nicht hereinziehen lassen – im Wahljahr schon gar nicht. Wie vermint das Terrain ist, hat sie schon bei der Diskussion um die Geburtshilfe gemerkt. Ihr neuer Krankenhausplan schreibt deshalb für die nächsten sechs Jahre den Status quo fort. An der Bettenzahl wird nicht groß gerüttelt – sie sinkt lediglich um 47 auf künftig 15.020 – und dort, wo Stationen geschlossen werden sollen, wird der Verlust durch zusätzliche geriatrische Betten ausgeglichen. Der Ersatzkassenverband verpackt seine Kritik höflich: Der Krankenhausplan sei „nicht der große Wurf“.
 

 

 

 

 

 

 

 

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