Interview : Martin Habersaat: „Es kommt auf die Qualität an den Schulen an“

Martin Habersaat (SPD), Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. /Archiv
Martin Habersaat (SPD), Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. /Archiv

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Martin Habersaat, spricht über „Hilfslehrer“ an Schulen.

shz.de von
09. Mai 2018, 10:35 Uhr

Kiel | Herr Habersaat, haben wir genug ausgebildetes Fachpersonal an den Schulen?

Leider nein.

Warum nicht?

Schleswig-Holstein stellt seinen öffentlichen Schulen rund 22.000 Lehrerstellen zur Verfügung. Die Landesregierung hat mir bestätigt, dass 882 davon an Förderzentren, Gymnasien, Grund-, Gemeinschafts- und Beruflichen Schulen von Kräften besetzt sind, die keine vollständige Ausbildung haben...

…also Hilfslehrer…

…wenn Sie so wollen, ja. Teilweise sind das angehende Lehrkräfte, die auf ihr Referendariat warten. Der weit überwiegende Teil sind aber Menschen, durchaus engagiert und mit interessanten Qualifikationen, ohne jede Lehramtsausbildung. Da diese Kräfte in der Regel Teilzeitstellen besetzen, schätze ich ihre Zahl auf etwa 2000. Bei rund 28000 Lehrkräften an unseren Schulen schon eine relevante Größenordnung.

Das Bildungsministerium argumentiert, dass dies Aushilfslehrer sind, die Engpässe überbrücken.

Die Zahlen zeigen etwas anderes: Jede elfte Gemeinschaftsschulklasse und jede zwölfte Grundschulklasse wird von so einem „Aushilfslehrer“ unterrichtet. Hier wird die Ausnahme zur Regel. Hilfslehrer werden systematisch eingesetzt, um Lücken zu füllen oder zu überdecken. Für mich ist vor allem problematisch, dass besonders viele von ihnen  an Grund- und Gemeinschaftsschulen eingesetzt werden.

Warum?

Weil diese Schularten so gegenüber den Gymnasien weiter benachteiligt werden. Es ist für viele Lehrer attraktiver, an Gymnasien zu unterrichten, zumal die Bezahlung dort besser ist und die Pflichtstundenzahl geringer. Die Regierung verschärft die Lage noch, indem sie etwa durch G9 an Gymnasien den Gemeinschaftsschulen gute Schüler entzieht und wieder eine reine Gymnasiallehrkräfte-Ausbildung einführen will.

Ist das auch eine Kostenfrage?

Das Motiv möchte ich niemandem unterstellen. Aber es stimmt, das Land spart Geld, weil ein Hilfslehrer weniger verdient als jemand mit zwei Staatsexamina. Dazu kommt, dass laut Bildungsministerium 111 Referendare bezahlte Überstunden leisten – und wieder sind fast zwei Drittel davon an Grundschulen oder Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe tätig. Da werden junge Menschen ausgenutzt.

Wie verteilen sich die Hilfslehrer denn regional?

Ich war überrascht, dass besonders wenige an der Westküste zu finden sind, wo wir den Fachkräftemangel doch am stärksten spüren. Stattdessen sind vor allem die Großstädte und der Hamburger Rand betroffen. So unterrichten etwa nach meinen Berechnungen an jeder Grundschule in Kiel und Neumünster auf 1,5 Stellen Kräfte ohne abgeschlossene Lehramtsausbildung.

Der Mangel an Fachkräften an den Schulen ist nicht neu, den gab es auch schon als die SPD noch den Ministerpräsidenten und die Bildungsministerin gestellt hat.

Ich gebe der jetzigen Bildungsministerin auch nicht die Schuld für den Fachkräftemangel. Wohl aber dafür, dass sie nicht genug dagegen unternimmt, während die Lage sich verschlimmert.  

Als da wäre?

Es würde helfen, wenn die Ministerin Grundschullehrkräfte nicht mehr als „Kuschelpädagogen“ verspottet. Dann geht es um das Gehalt: A13 für Grundschullehrkräfte soll erst 2026 für alle erreicht sein – das ist zu spät. Und A13 in Schleswig-Holstein ist oft weniger als A13 anderswo. Das Weihnachtsgeld für Landesbeamte muss nicht nur aus Gründen der Wertschätzung für unsere Landesbediensteten wieder eingeführt werden, sondern auch aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit. Dazu müssen wir die Arbeitsbedingungen verbessern, Schulräume sanieren und die Ausstattung verbessern – etwa im Bereich digitales Lernen. Und wir müssen versuchen, viel mehr der Seiteneinsteiger, die wir haben, pädagogisch und fachdidaktisch zu Lehrern fortzubilden.

Das wird Geld kosten.

Na klar, aber mir kommt es auf die Qualität an den Schulen an. Und da gehören gut ausgebildete Lehrkräfte hin.

Aber sind Hilfslehrer nicht besser als  gar keine?

Natürlich ist das besser als wenn der Unterricht ausfällt. Aber sehen Sie: Wenn ich mich schwer verletze, freue ich mich zwar auch über Erste Hilfe. Aber noch mehr freue ich mich über ärztliche Versorgung.

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