Konferenz in Kiel : Maritimer Krisengipfel mit Kanzlerin Merkel

Die Belange der maritimen Wirtschaft stehen am Montag und Dienstag in Kiel ganz oben auf der Agenda. Foto: dpa
Die Belange der maritimen Wirtschaft stehen am Montag und Dienstag in Kiel ganz oben auf der Agenda. Foto: dpa

Am Montag und Dienstag steigt in der Landeshauptstadt die achte Nationale Maritime Konferenz des Bundes. 830 Teilnehmer werden erwartet - auch Kanzlerin Angela Merkel.

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08. April 2013, 11:57 Uhr

Kiel | Dass die Interessen der Küste im Bundesverkehrsministerium nicht gerade oberste Priorität genießen, hat die Vernachlässigung der Schleusen zum Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel gezeigt. Anfang nächster Woche nun soll zumindest für zwei Tage alles besser werden: Da macht der Bund alles, was mit Wirtschaftskraft aus und auf dem Meer zu tun hat, zur Chefsache: Auf Einladung von Kanzlerin Angela Merkel richtet die Bundesregierung in der Kieler Sparkassen-Arena die 8. Nationale Maritime Konferenz aus. Auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und Bundesumweltminister Peter Altmaier haben ihr Kommen angesagt, kurzfristig auch noch ihr wegen der Schleusen so vielgescholtener Kollege aus dem Verkehrsressort, Peter Ramsauer.

Werftmanager, Reeder und Meeresforscher, Logistiker, Energieexperten, Wirtschaftsförderer und Sicherheitsfachleute werden unter den 830 erwarteten Teilnehmern sein. Spannt sich doch die Themenvielfalt dieses wichtigsten maritimen Dialogforums in Deutschland von Schiffbau und Hafenwirtschaft über Schifffahrt, Meerestechnik und Klimaschutz bis zu Offshore-Technik und maritimer Sicherheit. Für diese sieben Themenfelder wollen die Experten definieren, wo der dringendste Handlungsbedarf besteht - und was aus ihrer Sicht konkret zu tun ist.

Vor der Kammer steht eine Grundsatzrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel, in der sie die Zukunftsaussichten der Meereswirtschaft in Deutschland skizzieren wird - und wie die Politik diese zu fördern gedenkt. Aussagen dazu werden in diesem Jahr mit größerer Spannung denn je erwartet. Denn der Kieler Konvent ist nicht irgendeine der Nationalen Maritimen Konferenzen, die seit ihrer Premiere 2000 in Emden mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder meistens im Zwei-Jahres-Abstand stattfindet. Die aktuelle Zusammenkunft fällt in die bisher schwerste Krise der Schifffahrtsbranche seit dem Zweiten Weltkrieg. Riesige Überkapazitäten drücken die Preise. "Viele Charterreeder können nicht einmal ihre Betriebskosten decken - von Zins- und Tilgungszahlungen ganz zu schweigen", klagt der Präsident des Verbands Deutscher Reeder, Michael Behrendt. Dazu passt für ihn so gar nicht, dass die Schifffahrtsförderung im Entwurf des Bundeshaushalts für 2014 von 60 auf 30 Millionen Euro halbiert werden soll.

Die Folgen der Flaute wirken sich auch auf Häfen, Werften, Dienstleister und Zulieferer aus. Und den von der Masse her bedeutenden Containerschiffbau hat die Bundesrepublik an Asien und andere Kontinente verloren. Umso mehr geht es da rum, wie sich Werften mit hochtechnisierten Spezialschiffen, Aufträgen von der Marine und Offshore-Windparks eine Zukunft erschließen können.

Geiken: Lage spitzt sich "dramatisch zu"

Nach Einschätzung des Bezirksleiters der IG Metall Küste, Meinhard Geiken, spitzt sich die Lage "dramatisch zu". Für notwendig hält er, die Kurzarbeit auf 24 Monate zu verlängern - wie 2009 nach dem Einbruch in der Autoindustrie. Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen, hat die IG Metall direkt vor Konferenzbeginn zu einer Demonstration in Kiel aufgerufen. Dort werden unter anderem der Maritime Koordinator der Bundesregierung, der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Otto und Ministerpräsident Torsten Albig sprechen.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik, Reinhard Lüken, fordert von Bund und Ländern für die nächsten drei Jahre 105 Millionen Fördergelder, um technologisch innovative Projekte aufzulegen. In diesem Jahr stünden nur 26 Millionen Euro bereit, beantragte Projekte für 60 Millionen Euro hingen mangels Geld in der Warteschleife. Es fehle außerdem jede Förderung für Schiffe, die im Inland in Auftrag gehen - im Gegensatz zu Aufträgen aus dem Ausland. Auch für die Effizienzsteigerung, zum Beispiel für Schiffe mit geringeren Schwefel-Emissionen, sollten laut Lüken Förderinstrumente geschaffen werden - ähnlich wie an Land Finanzspritzen der Kreditanstalt für Wiederaufbau Mittel für den Bau energiesparsamer Häuser.

Druck durch 800 Lobbyisten

Auch 13 norddeutsche Industrie- und Handelskammern rufen die Bundesregierung in einem in dieser Woche veröffentlichten Positionspapier zu stärkeren Anstrengungen für die maritime Wirtschaft auf. Unter anderem fordern die Kammern den Ausbau der Verkehrswege zu den Seehäfen als Schwerpunkt im nächsten Bundesverkehrswegeplan - auch und gerade, um aus dem Schleusen-Desaster in Brunsbüttel zu lernen und den Nord-Ostsee-Kanal wieder flott zu machen.

Dass sich die Spitzenvertreter der Bundesregierung für dieses Ziel unter dem Druck der über 800 Lobbyisten zu einem höheren Tempo durchringen - darin könnte, jenseits aller offiziellen Tagesordnungen, für Schleswig-Holstein der Hauptgewinn der Konferenz bestehen.

Stichwort Meereswirtschaft
Auf die maritime Wirtschaft entfallen nach Angaben der Industrie- und Handelskammern 400.000 Arbeitsplätze und ein jährlicher Umsatz von mehr als 54 Milliarden Euro. Ein Viertel des deutschen Außenhandels werden über die Seehäfen abgewickelt. Die Haupt-Rohstoffe für Schlüsselindustrien kommen fast ausschließlich über die Wasserwege ins Land. Allein in den vergangenen fünf Jahren schieden acht deutsche Werften sowie eine Reihe von Zulieferbetrieben aus dem Markt aus.

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