Margarethe Mitscherlich: Das Grenzland lehrte sie Toleranz

Kindheit und Jugend im Grenzland prägten Margarethe Mitscherlich.
Kindheit und Jugend im Grenzland prägten Margarethe Mitscherlich.

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26. Juni 2012, 06:52 Uhr

Flensburg | Am 12. Juni verstarb im Alter von 94 Jahren die Psychoanalytikerin und Frauenrechtlerin Dr. Margarethe Mitscherlich (wir berichteten).

Berühmt wurde sie durch ein Aufsehen erregendes Werk mit nachhaltiger Wirkung, das sie 1967 zusammen mit ihrem Ehemann, dem bekannten Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, veröffentlichte: "Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens." Auf psychoanalytischer Basis vertraten die Autoren die Auffassung, dass die kritische Auseinandersetzung mit der bis dahin weitgehend verdrängten Nazivergangenheit eine Voraussetzung für die gesunde Fortentwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft sei.

Auch nach dem Tod ihres Mannes (1982) ist Margarethe Mitscherlich durch vielbeachtete Publikationen hervorgetreten, zum Beispiel das Buch "Erinnerungsarbeit" (1987) und das für die Frauenbewegung bedeutende Werk "Die friedfertige Frau" (1985).

1984 wurde Margarethe Mitscherlich, im Rahmen des 700. Stadtjubiläums, als erste Frau mit dem Kulturpreis der Stadt Flensburg ausgezeichnet. In ihrer Laudatio charakterisierte die damalige Stadtpräsidentin Ingrid Groß die am Sigmund-Freud-Institut der Frankfurter Universität wirkende Preisträgerin treffend als ein "Kind des Grenzlandes". Margarethe-Elisabeth Nielsen wurde 1917 in Gravenstein (Graasten) in Nordschleswig geboren. Ihr Vater, Arzt in Gravenstein, war nationalbewusster Däne. Ihre Mutter, ausgebildete Lehrerin, war überzeugte Deutsche. "Ich identifizierte mich mit meiner deutschen Mutter, die ich sehr liebte", berichtete Margarethe Mitscherlich 1984 in ihrem Vortrag anlässlich der Preisverleihung.

Auf ihre familiäre Situation - "nämlich von früh an mit zwei oft gegensätzlichen Weisen zu denken, zu fühlen und zu bewerten, konfrontiert zu sein" - sei auch ihre spätere Berufswahl zurückzuführen. "Denn von einer Psychoanalytikerin wird ja eben das verlangt, was mir die Grenzlandsituation nahe legte, sich einerseits mit seinen Patienten zu identifizieren, sich in sie einzufühlen und sich andererseits von ihnen zu distanzieren."

Das Leben in einem gemischtnationalen Umfeld habe es ihr erleichtert, "sich in Andersdenkende einzufühlen, unterschiedliche Meinungen und nationale Vorlieben gegeneinander abzuwägen oder sie nebeneinander bestehen zu lassen, ohne dabei in Angst zu geraten, die eigene Identität zu verlieren" - also frühzeitig rationale Strukturen zu entwickeln, die der wahnhaften Irrationalität des Nationalsozialismus diametral entgegenstehen. Hierbei spielte auch ihre Schulzeit am Flensburger Oberlyzeum, der heutigen Auguste-Viktoria-Schule, in nationalsozialistischer Zeit eine wichtige Rolle, insbesondere die Begegnung mit ihrer Deutschlehrerin Dr. Anni Meetz, "die sehr kritisch dachte und mit uns über Literatur und Philosophie so sprach, dass wir schnell kapierten, dass sich ihre Welt der Werte ganz von der der Nazis unterschied. Ich gehörte zu einer Gruppe von Mädchen, für die sie der Mittelpunkt war. Wir sind nachmittags mit Begeisterung freiwillig in ihre Philosophiestunde gegangen … Sie verkörperte für uns die Welt des Geistigen, eröffnete uns neue Möglichkeiten des Denkens und strahlte eine große menschliche Klugheit aus … Wir kapierten einfach, dass sie uns etwas vermitteln will, das wichtig für uns ist. Sie hat uns beigebracht, selbstständig zu denken. Und sie hat etwas in mein Leben gebracht, wofür ich ihr bis heute sehr dankbar bin: das Gefühl für Qualität, für Qualität literarischer und menschlicher Natur." So formulierte es Margarethe Mitscherlich in einem ausführlichen Interview, das 2007 mit dem bezeichnenden Titel "Eine unbeugsame Frau" als Buch erschien.

Die junge Margarethe Nielsen war nach dem Besuch einer Privatschule in Gravenstein an das Flensburger Oberlyzeum gewechselt, weil in der gesamten Region Mädchen nur hier die Möglichkeit geboten wurde, ein deutsches Abitur abzulegen. Dieses Ziel hätten Margarethe Nielsen und zwei ihrer Freundinnen allerdings um ein Haar nicht erreicht: Während eines "Nationalpolitischen Schülerinnenlehrgangs" kurz vor ihrem Abitur 1937 äußerten sich die Mädchen mit ironisch-spöttischer Begeisterung über die Naziideologie. Sie wurden beim Direktor und der Schulbehörde denunziert, und nur der vehementen Fürsprache einiger Kollegiumsmitglieder ist es zu verdanken, dass sie die Schule nicht wegen "politischer Unzuverlässigkeit" vorzeitig verlassen mussten.

Diese Erfahrungen haben Margarethe Mitscherlich bis ins hohe Alter bewegt. Noch wenige Monate vor ihrem Tod betonte die "große alte Dame der Psychoanalyse" in einem Fernsehgespräch die prägende Wirkung ihrer Kindheit und Jugend im deutsch-dänischen Grenzland.

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