Mörderischer Norden : Mafia-Banden regieren den Kiez in Hamburg

Das organisierte Verbrechen hat seine eigenen Gesetze: Polizeibeamte untersuchen in der Nacht zum 10.11.1996 eines der Todesopfer einer Schießerei in Hamburg-St. Pauli.
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Das organisierte Verbrechen hat seine eigenen Gesetze: Polizeibeamte untersuchen in der Nacht zum 10.11.1996 eines der Todesopfer einer Schießerei in Hamburg-St. Pauli.

In den 90er Jahren ist die Hamburger Unterwelt fest in den Händen der Mafia. Unter den Kriminellen allerdings tobt ein blutiger Krieg. Denn das Geschäft mit der Liebe bringt Millionen.

shz.de von
15. Mai 2012, 08:13 Uhr

Hamburg | Anfang der 1990er Jahre liefern sich Albaner und Türken (vor allem kurdischer Abstammung) einen regelrechten Krieg um die Vorherrschaft in der Hamburger Rotlichtszene und auf dem Drogenmarkt. Am Ende sollen die Albaner siegen. Es geht bei den Auseinandersetzungen um Millionen. Allein auf einem Strich in dem unwirtlichen Hamburger Industriegebiet an der Süderstraße erwirtschaftet eine Clique um "Albaner-Willi" mindestens 20 Millionen Mark im Jahr.
Familienclans aus dem Kosovo und Albanien haben nach dem Krieg auf dem Balkan über weite Teile Europas kriminelle Netzwerke gespannt. Gewalttätigkeit und Verschwiegenheit sind der Schlüssel ihres Erfolges. Die kriminellen Clans strukturieren sich nach ihren familiären Bindungen und Beziehungen, die über die Staatsgrenzen auf dem Balkan hinweg reichen.
Armutsflucht und kriminelle Emigration
Ihre Netze ziehen sich entlang der Balkanroute durch die osteuropäischen Staaten, sie verdichten sich in Griechenland und Italien, in der Schweiz, in Deutschland und führen schließlich bis nach Skandinavien. Einzelne Verästelungen reichen nach Spanien, Portugal und Großbritannien, sogar bis in die USA.
Wie im Kosovo kam auch im Nachbarstaat Albanien eine Mischung aus Armutsflucht und krimineller Emigration in Gang. Als Jugoslawien zerfiel, setzte 1990 ein Sturm auf westliche Botschaften ein. Rostige Seelenverkäufer landeten 1991 an den italienischen Küsten eine Flüchtlingsfracht zum Erbarmen an. Daneben zog auf dem Landweg eine Karawane von 500.000 Menschen aus Albanien ins benachbarte Griechenland. Durch den serbischen Druck wuchs die Zahl von Kosovaren in Deutschland auf annähernd 400.000 und die nächst größte in der Schweiz auf 200.000 Angehörige. In Italien sammelten sich um die 100. 000 "ethnische Albaner", in Schweden 40.000.
Clan-Solidarität
Chancenlos, wie die jungen Emigranten überwiegend waren, aber überwältigt von der glitzernden Konsumwelt, suchten sie Landsleute, Verwandte und Bekannte auf, die schon länger im Westen waren. Heutige Mafia-Größen in den Netzwerken begriffen sehr schnell, dass ihnen eine willige Gefolgschaft zuwuchs. Man kennt sich, man ist verbunden durch gemeinsame Beziehungen und eine mehr oder minder hohe Wertschätzung. Man kooperiert legal oder kriminell und man registriert den stetigen Aufstieg und Abstieg der anderen in dem stetigen Wandel der Chancen. Getragen von den männlichen Mitgliedern der Sippe, ergibt sich ein starkes "Wir-Gefühl". Eine typische Balkan-Familie hat heutzutage um die 60 Angehörige, bisweilen kommen auch 150 Verwandte zusammen. Verstärkt noch durch Allianzen mit Nachbarn und Freunden sind solche europaweiten Beziehungsgeflechte, sofern sie sich in kriminelle Netzwerke einfügen, eine nahezu ideale Basis.
Ergänzend zur Clan-Solidarität steht nach der traditionellen Überlieferung eine extreme Abgrenzung gegen Fremde. Jeder, der nicht in das Wir-Gefühl einbezogen wird, gilt als potenzieller Feind. "Der Wolf leckt sein eigenes Fleisch, das fremde aber frisst er", heißt ein albanisches Sprichwort.
Mafia-Killer eingeflogen
Dieses Netzwerk der Familien-Kriminalität macht sich in ganz Europa bemerkbar. In Italien entmachten diese Strukturen sogar ein stückweit die Mafia. So schreibt das italienische Nachrichtenmagazin "L’Espresso": "Albaner sind die neuen Paten Mailands." Albanische Clans hätten Kontakte zur sizilianischen Cosa Nostra, der kalabrischen ’Ndrangehta und der neapolitanischen Camorra geknüpft; besonders eng sei die Allianz mit der in Apulien operierenden Sacra Coron Unita. Die Kooperation zwischen der italienischen Mafia und albanischen Clans blitzte 1993 in Hamburg-St. Pauli auf als Mordhelfer aus Italien Blut fließen ließen.
Fünf Revolverschüsse beenden am 4. August 1993 in einem Hinterhof an der Talstraße auf St. Pauli das Leben des Glücksspielers und Einbrechers Bahri Berisha (34). Sein Verbrechen: Er hat Fassli Greve (32) beleidigt. Greve ist die rechte Hand eines Mannes, den viele für den Paten von Hamburg halten. Im Streit um 60.000 D-Mark Schulden soll er den angeblich drei Millionen D-Mark schweren Greve auch mit einem Messer angegriffen haben. Greves Freund, Salvatore Lavore (41), ein Zocker mit Mafia-Kontakten, bietet sich an: "Ich regel das!" Er lässt direkt aus Palermo zwei Mafia-Killer einfliegen. Ihr Lohn: 50.000 D-Mark plus Spesen.
Das Gesetz des Schweigens
Die Profi-Killer erledigen ihren blutigen Auftrag, töten Berisha und flüchten in dem grünen 3er BMW von Lavore. Alles perfekt. Scheinbar. Denn ein von Schlaflosigkeit Geplagter notiert sich das Kennzeichen des Autos und informiert die Polizei. Dann geht alles ziemlich schnell: Das Hamburger Mobile Einsatzkommando schlägt zu, als Lavore in Schnelsen vom BMW in einen Geländewagen umsteigen will. Auch die beiden Killer werden von den Elite-Polizisten gegriffen.
Auf die "Omerta", das Gesetz des Schweigens, vertrauend, gibt sich Lavore siegessicher. Doch einer der Killer, Daniele Schabica (37), "Der Boxer", wird schwach und packt aus: So landet auch der Auftraggeber Fassli Greve vor Gericht. Er kriegt 1997 in Hamburg zwölf Jahre und vier Monate aufgebrummt. Lavore erhält, wie die beiden Killer, lebenslänglich.
Die Anwälte aber gehen in Revision: Die Mafia gibt mehrere zehntausend Mark für Staranwälte aus, beschimpft den Kronzeugen als "Schweinehund", versucht den Auftragsmord als "Unfall" darzustellen. Es nützt nichts. Der Bundesgerichtshof bestätigt die Urteile über den spektakulären Mafia-Mord in Hamburg und sieht den Revisionsantrag als "offensichtlich unbegründet" an. Die Haft- und Sicherheitsvorkehrungen bei Lavore und Greve werden daraufhin erneut verschärft: Die Behörden fürchten, dass das Duo gewaltsam befreit werden könnte.

Die Serie
Manche Verbrechen sind so grausam, so kaltblütig, so ungewöhnlich, dass sie nie vergessen werden. Schleswig-Holstein am Sonntag hat zwanzig der spektakulärsten Fälle des Nordens in einem Kriminalreport zusammengestellt, erzählt von Klaus Lohmann. Die Fälle reichen von den Anfängen der Bundesrepublik bis in die heutige Zeit. Der Hauptkommissar a.D. erinnert sich dabei an den "Mondscheinmörder", eine "Tödliche Geiselnahme", einen "Verhängnisvollen Doppelgänger", den "Heide-Mörder", einen "Mord im Polizeipräsidium", den "Tod im Säurefass" , den "Frauenmörder von Sankt Pauli", den "Mord ohne Leiche", den "Der Blaubart von Fehmarn", den "blutigen Tod einer Lehrerin", "Er tötete Menschen aus Frust", "Das erste RAF-Opfer", "Rästelraten um vermissten Landwirt", "RAF-Mord an Kriminalbematem", "Mord mit dem Beil", "Raubmord an einer Rentnerin", "Mafia-Mord auf St. Pauli", "Couragierter Mann von Schlägern totgetreten", "Sizilianische Gangster auf St. Pauli", "Die Reemtsma-Entführung" und "Der Karstadt-Erpresser Dagobert".

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