Lübeck: Flagge zeigen gegen Rechts

Sie  richten einen Appell an die Bürger der Hansestadt: (v.l). Joachim Kirchhoff, Stefan Schad, Ingaburgh Klatt, Hans-Ernst Böttcher, Mechthild Mäsker, Joachim Nolte. Foto: lub
Sie richten einen Appell an die Bürger der Hansestadt: (v.l). Joachim Kirchhoff, Stefan Schad, Ingaburgh Klatt, Hans-Ernst Böttcher, Mechthild Mäsker, Joachim Nolte. Foto: lub

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19. März 2011, 08:30 Uhr

Lübeck | Die Aufforderung ist deutlich und ein Vorwurf nicht zu überhören: "Es sollte auch für Wirtschaft und Industrie selbstverständlich sein, gegen den Aufmarsch der Rechten zu protestieren", verlangt Hans-Ernst Böttcher, Landgerichtspräsident a.D.: "Das müsste Lübeck mindestens so ernst nehmen wie die Bewerbung um die Stadt der Wissenschaft. Die Frage ist doch immer, welches Bild von sich die Stadt nach außen trägt."

"Wie umgehen mit dem jährlichen Neonazi-Aufmarsch?" So lautete die Frage der Podiumsdiskussion im St. Lorenz-Gemeindehaus - einem Ort mit Symbolkraft: Im Hauptbahnhof, schräg gegenüber, kommen alljährlich die Rechtsradikalen an, um zum Jahrestag der Bombardierung Lübecks durch die Straßen zu ziehen. Am 26. März wird es wieder soweit sein, aber hörbar wie selten zuvor artikuliert sich 2011 schon im Vorwege der friedliche Widerstand. Grund: In diesem Jahr werden drei der vier 1943 von den Nazis ermordeten Lübecker Märtyrer selig gesprochen. Wie das Gedenken an sie heute umgesetzt werden könne, erörterten neben Böttcher die Historikerin Ingaburgh Klatt (Leiterin Kulturforum Burgkloster), Stefan Schad (DGB), Joachim Nolte, beim Ev.-Luth. Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg beauftragt für "Kirche gegen Rechtsextremismus", und Joachim Kirchhoff , Pfarrer an der katholischen Kirchengemeinde St. Birgitta. Flagge zeigen gegen Rechts, lautet der Konsens der Runde, die von Mechthild Mäsker (NDR) moderiert wurde. Wie Böttcher mahnten Kirchhoff und Schad ein klares Votum von Handel und Industrie an. "Ich wünsche mir, dass auch die Wirtschaft endlich aufwacht. Einfach nur jammern, dass am Tag des Aufmarsches der Umsatz zurück geht, das reicht nicht", so Schad. Sein Vorschlag: Geschäfte geschlossen halten und mitprotestieren.

"Mir fehlen die Künstler und Intellektuellen", monierte Ingaburgh Klatt. Ob man nicht immer neu versuchen müsste, Rechtsradikale argumentativ zu erreichen, wurde aus dem Auditorium gefragt. Ebenso, warum rechte Aufmärsche nicht schlicht verboten werden könnten.

"Intellektuelle Auseinandersetzungen sind schwierig, weil das Gedankengut Rechtsradikaler kein intellektuelles ist", betonte Kirchhoff. Ein juristisches Vorgehen gegen Nazi-Aufmärsche müsste "aus dem Geist der Verfassung heraus mehr versucht werden", so Böttcher. Und Nolte schilderte seine Vision: "Die Nazis laufen durch Lübeck und alle Gardinen sind zugezogen, Passanten drehen ihnen den Rücken zu." Das Ziel für den 26. März formulierte Stefan Schad so: "Dass die Nazis endlich kapieren: Lübeck ist kein Pflaster für uns." Auf keinen Fall dürfe die Straße den Rechtsradikalen überlassen werden. "Wir müssen so viele Menschen wie möglich gewinnen, damit ein großes, positives Gegenbild entsteht", sagte Klatt.

Der eindringlichste Appell des Abends kam von Joachim Kirchhoff: "Wir Erwachsene sind gefordert. Wir dürfen nicht einfach sagen, soll doch die Jugend auf die Straße gehen."

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