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Reaktionen aus SH : Lokführer-Streik gestartet - Reisende sitzen fest

vom
Aus der Onlineredaktion

Die GDL streikt, die Züge stehen still - bis Donnerstagmorgen um 4 Uhr. Wie reagieren Pendler und Reisende? Unsere Reporter berichten aus SH.

shz.de von
erstellt am 15.Okt.2014 | 14:59 Uhr

Neumünster/Kiel/Lübeck | Der Streik der Lokführer hat um 14 Uhr offiziell begonnen. Viele Regional- und Fernzüge fielen auch schon am Mittag aus. Die Reisenden wagen den angstvollen Blick auf die Anzeigetafel. „Der Zugbetrieb in Schleswig-Holstein und Hamburg ist sehr übersichtlich geworden“, sagte eine Bahnsprecherin am Nachmittag. Wie viele Züge noch fuhren, wusste sie nicht. Die Fahrgäste reagierten gelassen bis verärgert.

Neumünster: „Die Pendler haben sich anscheinend gut auf den Streik eingestellt, sind auf Busse, die AKN oder das eigene Auto umgestiegen“, berichtet unser Reporter Rolf Ziehm. Schwieriger sei es für Fernreisende gewesen. Zwei Beispiele:

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Foto: Ziehm

Edeltraud und Achim von Ahn sind in Neumünster gestrandet. Das Ehepaar aus Flensburg ist nach dem Mallorca-Urlaub von den Bahn-Streiks überrascht worden. Bei der Bahn-Auskunft wurde ihnen geraten, mit dem Bus nach Kiel weiter zu fahren - von dort aus komme man schon irgendwie nach Flensburg. Darauf wollte sich das Ehepaar aber lieber nicht einlassen und nahm sich spontan ein Taxi - damit die Urlaubsentspannung nicht gleich wieder verschwunden ist.

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Foto: Ziehm

Kristina Bonjet (links) und Lene Sørensen waren auf dem Weg von Berlin in ihre Heimat Odense in Dänemark. Doch weiter als nach Neumünster kamen die jungen Frauen nicht. Und nun? „Papi kommt extra aus Dänemark holt uns ab“, erklären die jungen Frauen.

Rendsburg: „Lange Schlangen vor den Bahnschaltern blieben auch in Rendsburg aus“, schildert unsere Reporterin Jana Walther. Nur vereinzelt standen Reisende etwas ratlos vor den Anzeigetafeln.

Foto: Walther

Dazu gehörte auch Michael Fuhrmeister aus Hamburg. Der 53-Jährige war zu einer Fortbildung in Rendsburg und hatte sich extra etwas früher auf den Heimweg gemacht - doch vergeblich. Weil der Streik früher begonnen hatte als angekündigt, stand auch er etwas hilflos am Gleis. Nun hofft er, dass die Ankündigung stimmt, derzufolge in einer Stunde ein Zug nach Hamburg fahren soll. „Aber daran glaube ich eigentlich erst, wenn ich die Bahn mit eigenen Augen sehe“, erklärt Fuhrmeister.

Itzehoe: Laut Bahnhofsmission waren die Itzehoer dank der Ankündigungen der GDL sehr gut vorbereitet. Unser Reporter Michaeal Althaus traf nur wenige gestrandete Reisende. Eine von ihnen war Dörte Speil aus Wanne-Eikel im Ruhrgebiet. Zusammen mit ihrem Sohn wollte sie um 14.37 Uhr die NOB nach Hamburg und dann einen Fernzug nehmen. Die NOB fuhr, nur der Anschlusszug nicht. Mitarbeiter der Bahn konnten der Nordrhein-Westfälin helfen. Nach einer Stunde Warterei fuhr um 15.39 Uhr ein Intercity in den Itzehoer Bahnhof ein. Ein Happy End für Dörte Speil.

In Itzehoe waren die meisten Bahnreisenden auf den Streik vorbereitet.
In Itzehoe waren die meisten Bahnreisenden auf den Streik vorbereitet. Foto: Althaus

Kiel: „Mich kann nichts aus der Ruhe bringen“, sagte in Kiel ein Rentner. Sein Intercity Richtung Nürnberg sollte um 12.38 Uhr abfahren, fiel aber dem Ausstand zum Opfer. Nun versuchte der 72-Jährige, anderweitig über Hamburg nach Münster zu kommen. Der nächste Regionalexpress nach Hamburg, reguläre Abfahrtzeit 13.21, Uhr fuhr aber auch nicht. Dieser Ausfall traf auch einen Hamburger, der in Kiel arbeitet. Der ICE um 14.49 Uhr war seine nächste Hoffnung. Züge nach Flensburg, Neumünster oder Lüneburg wurden wegen des Streiks ebenfalls abgesagt.

Viele Reisende in Kiel mussten sich alternative Verkehrsmittel suchen.
Viele Reisende in Kiel mussten sich alternative Verkehrsmittel suchen. Foto: dpa
 

Der Schüler Erfan Davat wartete schon seit 11 Uhr vergeblich auf dem Kieler Hauptbahnhof. „Ich muss nach Hamburg“, erzählte er. „Das ist alles sehr doof.“ Juliane Rüsbüldt erwartete in Kiel gegen 13 Uhr seit zwei Stunden Familienangehörige, die aus Osnabrück anreisen sollten. „Das ist ärgerlich, aber man nimmt das schon mit Humor.“ Iris Schwarzlow erboste sich darüber, dass schon ihr Zug nach Preetz um 12.44 Uhr ausgefallen war. „Das finde ich um diese Zeit nicht in Ordnung.“

Flensburg: Noch um 16.40 Uhr wartete Pauline Brückner auf den Schienenersatzverkehr: „Ich habe erst heute von dem Streik erfahren und bin trotzdem zum Bahnhof gefahren, weil ich gehofft habe, dass dennoch ein Zug nach Rendsburg fährt oder Busse fahren. Jetzt warte ich schon seit über zwei Stunden vergeblich auf einen Bus.“

Auch vor dem Flensburger Bahnhof strandeten einige Reisende. Die meisten wusste nichts von den Streiks.
Auch vor dem Flensburger Bahnhof strandeten einige Reisende. Die meisten wusste nichts von den Streiks. Foto: Käfer

Auch Andre Andresen wusste nichts von dem angekündigten Streik der Lokführer: „Erst nachdem ich mir ein Ticket am Automaten gelöst habe, habe ich vom Streik erfahren. Ich will nach Kolding fahren und hoffe, dass mir die Bahn die Taxifahrt erstattet.“

Lübeck: Ähnlich war die Lage in Lübeck. Wegen des bereits seit dem Morgen geltenden Ersatzfahrplanes der Deutschen Bahn fielen zahlreiche Regionalzüge aus. So war für ein älteres Ehepaar samt Enkelin auf dem Weg von Hamburg nach Plön schon gegen 12.30 Uhr in Lübeck Endstation. Sie wollten nun mit dem Taxi nach Hause fahren und hofften, dass die Bahn ihnen zumindest einen Teil der Kosten erstattet. Pech hatte auch eine Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen. „Ich war zu Besuch bei meiner Mutter und wollte eigentlich heute mit dem Zug zu einem Familientreffen nach Hannover fahren. Daraus wird nun nichts. Dafür kann ich noch einen weiteren Tag mit meiner Mutter genießen“, sagte sie.

Alle Hände voll zu tun hatten die Servicekräfte der Bahn, die mit Fragen nach noch nicht gestrichenen Zugverbindungen bestürmt wurden. Es könne sein, dass zwischendurch mal ein Zug mit einem beamteten Lokführer fahren werde, sagte eine Bahnmitarbeiterin in Lübeck. „Aber das wird ganz kurzfristig bekannt gegeben.“ Viele Reisende ärgerten sich über den vorgezogenen Streikbeginn. „Da ist der Arbeitgeber ein bisschen weit gesprungen, das war nicht in unserem Sinne“, sagte der GDL-Bezirksvorsitzende Hartmut Petersen.

Hamburg: Auch die Hamburger S-Bahn ist betroffen. Sie soll laut Bahn im 20-Minuten-Takt verkehren. Viele Fahrgäste mussten ihre Reiserouten ändern. Hartmut Petersen warb am Mittag bei einer Kundgebung mit rund 20 Lokführern um Verständnis. „Die Gehälter sind angesichts unserer Belastungen absolut unzureichend“, sagte Petersen vor dem Hamburger Hauptbahnhof, der mit 450.000 Gästen am Tag der am meisten frequentierte in Deutschland ist. Die Demonstranten hielten sich aber mit Rufen oder Forderungen zurück: „Wir wollen doch niemanden stören“, sagte ein Lokführer. Das sahen einige Fahrgäste anders:„Eine kleine Gruppe von Egoisten legt ganz Deutschland lahm“, rief einer von ihnen verärgert.

Vor dem Hamburger Hauptbahnhof demonstrierten Mitglieder der Lokführergewerkschaft.
Vor dem Hamburger Hauptbahnhof demonstrierten Mitglieder der Lokführergewerkschaft. Foto: dpa
 

Viele Reisende wichen auf Fernbusse, Taxen und Mietwagen aus. „Seit Dienstag verzeichnen wir zeitweise eine Verdopplung der Buchungseingänge“, sagte MeinFernbus-Geschäftsführer Torben Greve und kündigte an, zusätzliche Busse einzusetzen. „Wir haben deutlich mehr Fahrten als sonst“, sagte auch Thomas Lohse, Vorstand der Hansa Funktaxi. Zu den Folgen für die Passagiere sagte GDL-Bezirksvorstand Petersen:„Das tut uns leid, lässt sich aber nicht verhindern.“  Auch in Lübeck und Kiel hatten die Servicekräfte der Bahn alle Hände voll zu tun.

 

Die Gewerkschaft GDL hatte ihre Mitglieder aufgerufen, die Arbeit flächendeckend von 14 Uhr bis 4 Uhr am Donnerstagmorgen niederzulegen. In ganz Deutschland waren Tausende Pendler und andere Bahnreisende von massiven Beeinträchtigungen betroffen. Im Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn fordert die GDL fünf Prozent mehr Geld und eine um zwei Stunden kürzere Wochenarbeitszeit. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) rief die Tarifparteien bei beiden Unternehmen zu einer schnellen Rückkehr an den Verhandlungstisch auf. Zur Tarifautonomie gehöre auch das Mittel des Streiks, sagte Dobrindt in Berlin. Damit sei aber besonders verantwortungsvoll umzugehen, um die Zahl der betroffenen Dritten gering zu halten.

Ziel des Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) war ein flächendeckender Stillstand im Fern- und Regionalverkehr wie auch bei den S-Bahnen. Auch der Güterverkehr ist von dem Ausstand betroffen. Die Bahn wollte am Donnerstagabend eine erste Bilanz ziehen.Je nach Schicht seien 2000 bis 5000 Kollegen im Ausstand, hatte GDL-Chef Claus Weselsky zum Auftakt auf dem Leipziger Hauptbahnhof angekündigt. Kritik am zweiten Streik innerhalb von acht Tagen wies er zurück. „Das ist unser gutes Recht“, sagte Weselsky. „Wir werden Donnerstagmorgen so schnell wie möglich versuchen, wieder den Normalbetrieb aufzunehmen“, sagte ein Bahnsprecher. Pendler sollten aber mehr Zeit einplanen, um rechtzeitig zum Arbeitsplatz zu kommen.

Von Donnerstagmittag an lassen dann die Germanwings-Piloten die Arbeit ruhen. Bei der Lufthansa-Tochter sind 100 von 500 Flügen gestrichen. Etwa 5400 Piloten und Co-Piloten der Fluggesellschaften Lufthansa, Lufthansa-Cargo und Germanwings kämpfen gegen Einschnitte bei ihren Übergangsrenten. Die Germanwings-Flugkapitäne wollen bundesweit für zwölf Stunden die Arbeit niederlegen, wie die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am Mittwoch in Frankfurt ankündigte. Reisende müssen sich zum Ende der Herbstferien in Nordrhein-Westfalen und Thüringen auf Flugausfälle und Verspätungen einstellen. Im Streit um die Übergangsrenten für 5400 Piloten und Co-Piloten der Fluggesellschaften Lufthansa, Lufthansa-Cargo und Germanwings habe das Unternehmen bedauerlicherweise keinen Kompromissvorschlag der Vereinigung Cockpit aufgegriffen, erklärte die Gewerkschaft.

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