„Lohnkeller“ : Löhne – SH verliert den Anschluss

In SH ist die Wirtschaft mittelständisch aufgebaut – die Großverdiener aus den Dax-Unternehmen leben woanders.

In SH ist die Wirtschaft mittelständisch aufgebaut – die Großverdiener aus den Dax-Unternehmen leben woanders.

Schleswig-Holstein ist der westdeutsche „Lohnkeller“ – und rutscht immer weiter ab.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
23. Januar 2018, 21:40 Uhr

Die Löhne in Schleswig-Holstein sind vergleichsweise niedrig. Das ist bekannt. Doch einer neuen Studie zufolge verliert das nördlichste Bundesland bei der Bezahlung der Beschäftigten immer stärker den Anschluss an den Rest der Republik. So lag das Durchschnittsgehalt zuletzt nur noch bei 87,8 Prozent des Bundesdurchschnitts. Zum Vergleich: 2016 waren es noch 2,8 Prozentpunkte mehr. In keinem anderen Bundesland hat das Lohnniveau im Vergleichszeitraum so stark gelitten wie in Schleswig-Holstein.

Für seine Erhebung hat das Portal Gehalt.de nach eigenen Angaben mehr als 750.000 Gehaltsdaten ausgewertet. Das höchste Lohnniveau wird demnach in Hessen erreicht (112,7 Prozent), das niedrigste in Mecklenburg-Vorpommern.

Gewerkschaften kritisieren seit langem, dass Schleswig-Holstein der „Lohnkeller“ in Westdeutschland sei und fordern höhere Einkommen. Arbeitgeberverbände sowie die Studien-Autoren verweisen auf strukturelle Gründe. So ziehen beispielsweise große Dax- und Industrie-Konzerne das Lohnniveau nach oben. Schleswig-Holsteins Wirtschaft wird hingegen von kleinen und mittelständischen Betrieben dominiert.

100.000 Euro trennen Oberarzt und Zimmermädchen

Die beste Bezahlung erhalten im Norden der Studie zufolge Beschäftigte in der Medizintechnik, bei den Banken sowie im Bereich Feinmechanik und Optik. In der Spitze werden hier zwischen 62.000 und 78.000 Euro im Jahr verdient. Am andere Ende der Lohn-Skala finden sich die Mitarbeiter des Einzelhandels, der Call-Center sowie des Hotel- und Gaststättengewerbes wieder. Sie bringen mit durchschnittlich 25.000 bis 30.000 Euro nicht einmal halb so viel mit nach Hause.

Wer den Wunsch hat, viel Geld in seinem Beruf zu verdienen, der sollte Mediziner werden – oder Fonds-Manager. So jedenfalls geht es aus einer Studie des Onlineportals Gehalt.de hervor, für die mehr als 750.000 Vergütungsdatensätze ausgewertet worden sind. Oberärzte kommen demnach im Schnitt auf 121.000 Euro, Fondsmanager immerhin noch auf 84.000 Euro im Jahr. Selbst wer in beiden Berufen nur unterdurchschnittlich verdient, bringt am Ende des Tages noch immer ein Vielfaches dessen mit nach Hause, was am anderen Ende des Berufe-Rankings steht. So kommen Zimmermädchen demnach im Schnitt auf 20.641 Euro im Jahr. 21.342 Euro sind es bei Küchenhilfen, 22.816 Euro bei Friseuren.

Auffällig dabei: Während es bei den Top-Berufen eine große Spreizung gibt – allein beim Oberarzt liegen 40.000 Euro zwischen den niedrigsten und den höchsten Gehältern –, findet sich bei den gering bezahlten Berufen kaum Spielraum.

Doch nicht nur der Job selbst entscheidet über die Höhe des Einkommens, sondern auch die Region. Während es ein Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss in Schleswig-Holstein im Schnitt auf ein Einstiegsgehalt von 40.126 Euro bringt, sind es in Hessen 51.517 Euro. Bei Ausgelernten im Norden stehen 26.100 Euro auf dem Lohnzettel, beim Spitzenreiter Hessen sind es 33.509 Euro. „Die Produktivität kann am Ende des Tages nicht überlistet werden“, sagt Sebastian Schulze vom Unternehmensverband Nord. Er verweist darauf, dass vor allem strukturelle Gründe zu diesen Unterschieden beitragen. So fehlt es im Norden unter anderem an gut bezahlten Industrie-Arbeitsplätzen, die dann auch das Lohnniveau insgesamt in einer Region erhöhen.

Der Kampf um Köpfe

Ein Kommentar von Till H. Lorenz

Wer viel Geld verdienen möchte, für den sind Hessen, Baden-Württemberg, Hamburg oder Bayern die Top-Adressen. Denn in allen drei Ländern wird mehr im Job bezahlt als im Bundesdurchschnitt. In Schleswig-Holstein ist es umgekehrt. Nun gibt es gute Gründe dafür, dass das Lohnniveau im Norden geringer ist. So fehlt es an gut bezahlten Industrie-Arbeitsplätzen, Dax-Konzerne gibt es keine, stattdessen prägen kleine und mittelständische Betriebe die Wirtschaft. Obendrein mögen die Löhne in Schleswig-Holstein geringer sein als anderswo – doch das gilt auch für die Lebenshaltungskosten.

Nur: Der Kampf um Köpfe ist immer auch ein Kampf, der auf dem Gehaltszettel geführt wird. Da zählt zunächst einmal die nackte Zahl. Und wenn sich das Lohnniveau in Schleswig-Holstein weiter vom Bundesdurchschnitt entfernt, lässt sich dies einem Arbeitnehmer in Hessen gegenüber nur schwer vermitteln. Umso mehr müssen Unternehmen also auf andere Weise für sich werben – mit Themen wie flexiblen Arbeitszeiten, guten Perspektiven, Weiterbildungsmöglichkeiten, Familienfreundlichkeit. Dies alles kann helfen im Kampf um die besten Köpfe – den der Norden auf dem Lohnzettel zu verlieren droht.

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