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Dunkelheit : Lichtsmog: Wenn die Nacht verloren geht

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kaum irgendwo auf der Welt herrscht heute noch komplette Dunkelheit. Wissenschaftler untersuchen die Folgen.

shz.de von
erstellt am 05.Feb.2017 | 16:49 Uhr

Neumünster | Für die Menschen in der westlichen Welt ist es längst selbstverständlich: Wenn es dunkel wird, schalten sie das Licht an. Dank künstlicher Beleuchtung kann man die Nacht zum Tag machen, auf den Straßen, in Geschäften, Büros und Industrieanlagen, im eigenen Zuhause. Helligkeit, auch die künstlich erzeugte, wird mit Werten wie Sicherheit, Fortschritt und Wohlstand verbunden. Aber welche Auswirkungen hat die Dauerbeleuchtung auf Natur und Umwelt, auf die Gesundheit von Mensch und Tier? Seit einigen Jahren widmet sich die Wissenschaft verstärkt dieser Frage und hat für das Forschungsfeld den Begriff „Lichtverschmutzung“ geprägt.

Der ist von der sprachlichen Logik her nicht ganz korrekt. Denn anders als etwa bei dem Wort Umweltverschmutzung wird ja nicht Licht verschmutzt, vielmehr ist dieses Ursache des Problems. Lichtverschmutzung kann aber auch verstanden werden als Verschmutzung des Natürlichen, Nächtlichen durch künstliches Licht. Wohl passender ist die in einigen Quellen gebräuchliche Bezeichnung Lichtsmog.

Neumünsters Sternwarte bedroht

In Schleswig-Holstein sind die Astronomen der vhs-Sternwarte Neumünster nach eigenen Angaben „zwangsläufig zu Experten in Sachen Lichtverschmutzung geworden“. Der Grund: Sie sehen die Zukunft der nach eigenen Angaben größten Sternwarte Schleswig-Holsteins durch den Lichtsmog „langfristig bedroht“. Bereits 2013 wurden auf Intervention der Einrichtung hin neue Konzepte für die „sehr defensive nächtliche Beleuchtung“ eines geplanten Industriegebietes (am Hahnknüll) entwickelt. Aus dem unfreiwilligen Expertentum ist im gleichen Jahr die Projektarbeit „Der Himmel über Schleswig-Holstein – Lichtverschmutzung im Land zwischen den Meeren“ entstanden.

Allerdings ist die Bewertung des Themenfeldes schwierig, denn die Auswirkungen des künstlichen Lichts auf Mensch und Natur sind derzeit noch „weitestgehend unbekannt“, so der Forschungsverbund „Verlust der Nacht“, der unter Beteiligung zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen unter anderem die ökologischen, gesundheitlichen sowie kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen untersucht. Aber der Umfang der Erkenntnisse wächst rasant. Dabei werden immer mehr Indizien dafür entdeckt, dass die „Kolonisierung der Nacht“, wie das Phänomen in einer vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegebenen Schrift bezeichnet wird, erhebliche Probleme für einzelne Pflanzen und Tiere bedeuten, ja, das ökologische Gefüge ganzer Lebensräume durcheinanderbringen kann sowie für den Menschen gesundheitliche Risiken birgt.

Ein Beispiel aus der Vogelwelt

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell haben untersucht, wie sich die Stadtbeleuchtung auf Amseln auswirkt. Ergebnis: Tiere, die nachts Licht in der in Städten üblichen Intensität ausgesetzt sind, sind früher im Jahr bereit zur Fortpflanzung; ihr Testosteronspiegel steigt und ihre Hoden reifen früher. Außerdem beginnen sie früher zu singen als Artgenossen auf dem Land. Gesangsaufnahmen mit weiteren Singvögeln zeigten, dass vier von sechs Arten unter dem Einfluss nächtlicher künstlicher Beleuchtung früher im Jahr ihre Gesänge anstimmten. Fazit des Forschungsteams: „Die allgegenwärtige Lichtverschmutzung der Städte kann den jahreszeitlichen Rhythmus von Stadttieren deutlich beeinflussen.“

Ein weiteres Beispiel für die Wirkung nächtlichen Lichtes auf die Tierwelt erläuterte der Physiker Christopher Kyba in einem Interview. Demzufolge kommen nachtaktive Tiere wie bestimmte Nager kaum noch aus ihren Verstecken und fehlen dann Jägern wie Eulen und Fledermäusen als Nahrung. Einen anderen Effekt schildert der Landesverband Schleswig-Holstein des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND): So orientierten sich Nachtfalter am schwachen Licht der Gestirne. Künstliche Lichtquellen übten auf viele solcher Insekten „eine große Anziehungskraft aus und locken sie aus ihren natürlichen Lebensräumen“. Unter Experten als gesichert gilt auch, dass eine künstlich aufgehellte Umgebung das Zugverhalten von Vögeln und den Wachstumszyklus von Pflanzen verändern kann. Viele dieser Aspekte sind in der vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegebenen Schrift „Schutz der Nacht – Lichtverschmutzung, Biodiversität und Nachtlandschaft“ detailliert beschrieben. Der Schutz der Nacht sei „die andere Hälfte des Natur- und Landschaftsschutzes“, schreiben deren Herausgeber.

Folgen für den Menschen

Auch Folgen für den Menschen sind in der Publikation benannt, wobei sowohl die Innen- als auch die Außenbeleuchtung in den Fokus genommen wird. So könne der in der Regel von einer inneren Uhr auf etwa 24 Stunden angelegte Schlaf-Wach-Rhythmus beeinträchtigt werden. Wie Berührungen oder Lärm, könne bei empfindlichen Menschen auch Licht als (unerwünschter) Weckreiz wirken oder beim Einschlafen stören. „Wir haben die Nacht zum Tag gemacht und wollen alles zu jeder Tageszeit haben und tun. Wir halten das für normal, doch es hat seinen Preis“, schreibt die Autorin des entsprechenden Aufsatzes Barbara Knab. Dieser Preis bestehe „in diversen gesundheitlichen Problemen, wobei psychische Fragen wie Leistungsfähigkeit und emotionale Stabilität noch nicht einmal angesprochen sind.“

Expertenschätzungen zufolge sind heute mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung vom Lichtsmog betroffen. In Europa und den USA sind es mehr als 99 Prozent; das heißt, in diesen Regionen sind kaum noch Orte mit temporärer totaler Finsternis zu finden. „Inzwischen gibt es in Ballungsgebieten oft nur noch Tag und Dämmerung, aber keine Nacht mehr“, stellt Kyba fest.

Immer mehr Menschen aber werden sich auch jenseits wissenschaftlicher Erkenntnisse bewusst, dass ihr Sieg des Lichtes über die Dunkelheit vielleicht doch ein Pyrrhussieg ist. Dass Dunkelheit einen Wert hat, nicht nur für das ökologische Gleichgewicht in der Natur, sondern auch für das eigene seelische Wohlbefinden. Dass echte Finsternis das Leben bereichern kann, zum Beispiel, weil sie die Sinne schärft. Gerade ältere Menschen werden sich noch an entsprechende Zeiten erinnern und „berichten an der Sternwarte gerne davon, wie wunderbar und eindrucksvoll der Sternenhimmel doch früher in Schleswig-Holstein aussah“, heißt es auf der Website der Einrichtung. Und wer heute einmal unter einem Sternenhimmel in einer Weltregion gestanden hat, in der ihn ansonsten Schwärze umgibt, weiß um die Faszination und nachhaltige Wirkung eines solchen Erlebnisses.

Dark Sky Areas: Werbung für den dunklen Nachthimmel

Die in Tucson/Arizona ansässige internationale Vereinigung „International Dark Sky Association“ (IDA) hat ein „Dark Sky Program“ gestartet und zeichnet Regionen als „Dark Sky Areas“ aus. Darunter sind vor allem viele National- und Naturparks sowie Kommunen in den USA. Aber auch anderswo in der Welt findet die „Dunkler-Himmel-Bewegung“ immer mehr Anhänger. So dürfen in den Niederlanden bereits zwei Nationalparks in der Wattenmeerregion das Label „Dark Sky Park“ tragen; das gesamte niederländische Wattenmeer soll folgen.

 
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