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Jeder dritte Mord bleibt unerkannt : Leichenschau: Auf den Inseln muss es nicht einmal ein Arzt tun

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der letzte Dienst am Patienten oder lästiges Übel? Die Leichenschau steht seit Jahren wegen zahlreicher Arztfehler in der Kritik.

margret kiosz von
erstellt am 08.Aug.2015 | 18:31 Uhr

Unvorstellbar: Ein Arzt stellt in einem Altenheim den Tod einer 92-Jährigen fest, der herbeigerufene Bestatter bringt sie in einen Kühlraum, doch plötzlich bewegt sich der Leichensack, die Frau lebt noch. Ein bedauerlicher Einzelfall? Offensichtlich nicht. Vor zwei Jahren landete ein Frau nach einem schweren Autounfall bei Itzehoe in der Pathologie statt auf der Intensivstation, weil ein Rettungsarzt keine Lebenszeichen mehr feststellen konnte. Ein aufmerksamer Pfleger bemerkte dort, dass die angebliche Leiche noch atmet.

Eigentlich dürfte so etwas überhaupt nicht passieren. Denn es gibt konkrete gesetzliche Vorgaben, nach denen der Arzt den Tod eines Menschen feststellen muss. Bei einer Leichenschau muss er den Körper unbekleidet untersuchen. Als sichere Todeszeichen gelten Totenflecke, die sich 20 bis 30 Minuten nach dem Ableben auf dem Körper bilden. Nach zwei bis drei Stunden setze die Leichenstarre ein. Und noch später – je nach Temperatur – werden Verwesungszeichen sichtbar.

Doch diese Vorgaben sind leider reine Theorie, die Praxis in Deutschland – auch in Schleswig-Holstein – sieht ganz anders aus: Nur selten werden die Toten wirklich komplett entkleidet, weil man das den Angehörigen nicht zumuten will. Nur ein Viertel der Ärzte gab bei einer Umfrage an, die Leiche in jedem Fall zu entkleiden, bei den Hausärzten war es nur einer von hundert. Eine Befragung zufällig ausgewählter Leichenschauärzte ergab zudem, dass nicht einmal jeder zweite mehr als zehn Leichenschauen im Jahr durchführt. Routine haben die meisten also nicht.

Zu allem Überfluss sind die Lichtverhältnisse im Sterbezimmer oft schlecht, die Toten dem Untersuchenden meist unbekannt und die Krankengeschichte muss mühsam beim behandelnden Hausarzt per Telefon abgefragt werden. Dass alles für eine Vergütung zwischen 14,47 Euro und 33,52 Euro, die man bei den Angehörigen kassieren muss, weil die Krankenkassen nur für Lebende zuständig sind. Für die Begutachtung einer Beule am Auto durch einen Sachverständigen zahlt man in Deutschland ein Vielfaches.

Die „Untersuchung“ beschränkt sich deshalb häufig darauf, am Finger des Toten zu wackeln, um so die Totenstarre festzustellen. Offene Wunden am Körper, Einblutungen in die Schleimhäute, selbst Drosselmale am Hals – verborgen unter dem Rollkragenpulli– werden übersehen. Im Totenschein wird dann „Natürlicher Tod“ angekreuzt , beklagen Fachleute. Alles anderer bringt Ärger und setzt nur eine bürokratische Ermittlungs-Maschinerie in Gang.

„Die Folgen dieser oft oberflächlichen Leichenschauen sind seit Jahren bekannt und werden genauso lange schon beklagt“, sagt Professor Hans-Jürgen Kaatsch, der bis vor kurzem Chef der Rechtsmedizin an der Kieler Uni war. Bereits 1997 zeigte eine nach seiner Einschätzung „umfangreiche und gute Studie“, dass in Deutschland von zusätzlich 11.000 „nichtnatürlichen Todesfällen“ pro Jahr auszugehen ist. „Das heißt nicht, das man in all diesen Fällen einen krimineller Hintergrund zu vermuten ist , es geht auch zum Beispiel um Unfälle, Vergiftungen, Kunstfehler und Suizide“, so Kaatsch. Doch Experten gehen davon aus, dass sich unter diesen 11.000 Fällen , in denen alljährlich fälschlicherweise ein natürlicher Tod attestiert wird, auch 1200 Tötungsdelikte verbergen. Das heißt aber nichts anderes, als dass jeder dritte Mord oder Totschlag in Deutschland unerkannt bleibt.

Eigentlich müssten bei den Innen- und Justizminister angesichts dieser Zahlen die Alarmglocken läuten. Tun sie aber nicht. Im Gegenteil. Zyniker behaupten sogar: Je mehr Verbrechen unentdeckt bleiben, desto besser die Kriminalitätsstatistik, mit der sich Politiker dann schmücken können. Ob das auf Dauer so weiter geht, ist allerdings fraglich.

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe drängt nach dem Desaster mit der Nicht-toten Rentnerin auf Verbesserungen bei der Leichenschau. Und im Saarland plant das Gesundheitsministerium, Mediziner zu regelmäßigen Fortbildungen zum Thema Leichenschau zu verpflichten. „Es bedarf bundesweit dringend qualitativer Verbesserung", heißt es dort unter Hinweis auf eine neuere Studie, wonach jede 20. ausgestellte Todesbescheinigung fehlerhaft ist.

Medizinstudenten lernen zwar im dritten klinischen Semester, wie eine gute Leichenschau auszusehen hat. „Das Problem ist, dass sie dann meist nie wieder etwas davon hören, bis es sie irgendwann trifft", erklärt der Leiter des Mainzer Instituts für Rechtsmedizin, Professor Dr. Reinhard Urban. Jetzt sollen die rund 12.000 Todesbescheinigungen des letzten Jahres im Saarland ausgewertet werden.

Von besonderem Interesse ist, wie hoch der Anteil vermuteter beziehungsweise unsicherer Todesursachen ist und welche Personengruppen hiervon betroffen sind. Es soll zudem eine Auswertung nach Arztgruppen geben, um zum Beispiel zu sehen, ob sich die Qualität der Todesbescheinigungen von Klinik-, Haus- und Fachärzten oder Ärzten, die im Auftrag der Polizei unterwegs sind, unterscheidet.

Bei der schleswig-holsteinischen Ärztekammer in Bad Segeberg verfolgt man diese Studie mit großem Interesse, sagt Kammerchef Dr. Carsten Leffmann. Größere Bedeutung als der Frage der Pflichtfortbildung misst er jedoch der Diskussion über die Erhöhung der Obduktionsrate bei. „Auch mehrere Ärztetage haben immer wieder gefordert, diese inneren Leichenschau wieder häufiger durchzuführen oder unter bestimmten Umständen gar zum Regelfall zu machen“, so Leffmann.

Derzeit beträgt die Sektionsquote nicht einmal drei Prozent, die Rechtsmediziner sprechen sich jedoch für eine Quote von 20 bis 30 Prozent aus. „Schon seit Jahrzehnten gibt es die Forderung, jedes tote Kind zu obduzieren“, berichtet auch Kaatsch. Das würde den Ärzten helfen, die heute in Erklärungsnot gegenüber den Eltern geraten, wenn sie eine Obduktion anordnen. „Bei einer Obduktionspflicht würde bei den ohnehin traumatisierten Eltern nicht noch das Gefühl entstehen, individuell kriminalisiert zu werden“, so Kaatsch.

Unterstützung kommt von der FDP Landtagsabgeordneten Anita Klahn. „ Alle Experten gehen davon aus, dass viele Fälle von Kindesmisshandlungen wegen der laxen Obduktionspraxis unentdeckt bleiben“. Auch deshalb setzt sie sich vehement gegen Kürzungsabsichten bei der hochdefizitären Rechtsmedizin am Universitätsklinikum (Kiel/Lübeck) zur Wehr. Sie pocht darauf, dass auf diesem Gebiet auch künftig ausreichend geforscht wird und angehende Mediziner mit fundiertem Wissen in die Praxis entlassen werden. Erst vor wenigen Wochen hat sich auf ihr Betreiben hin der Landtag mit dem Thema befasst und einen weiteren Rückbau der Rechtsmedizin an der Uni Lübeck abgelehnt.

Der kommt immer wieder auf die Tagesordnung, weil die mageren Erstattungssätze, die die Justiz für Dienstleistungen der Rechtsmedizin im Rahmen von Straftaten bezahlt, die Kosten des Uni-Instituts bei weitem nicht decken. Deshalb wird immer wieder auf Synergieeffekte durch Zusammenlegungen geschielt wird. Zu Unrecht wie Klahn findet.: „Es geht bei der Rechtsmedizin doch in erster Linie um Forschung und Lehre.“

Im Kieler Gesundheitsministerium hat man zwar das Problem mit den lax durchgeführten Leichenschauen erkannt – richtig Druck wird aber zu dessen Lösung nicht gemacht. „Die norddeutschen Bundesländer beraten bereits über eine Verbesserung der Leichenschau und haben zu diesem Thema eine Arbeitsgruppe eingesetzt“, teilte ein Sprecher mit. Solche Arbeitskreise hat es laut Kaatsch schon vor 20 Jahren gegeben, doch passiert sei wenig. Einziger Trost für den Professor: „Im Norden nimmt der Anteil der Feuerbestattungen weiter zu, und bei Einäscherungen ist eine zweite Leichenschau vorgesehen, weil ja mögliche Spuren eines kriminellen Deliktes unwiderruflich vernichtet werden“.

Vier Augen sehen eben mehr als zwei. Zumal die Leichenschauer im Krematorium sehr viel mehr Erfahrungen haben als Kollegen, die nur alle zwei Monate diesen Job machen. Das Wort „Job“ mag Kammerchef Leffmann nicht gerne hören. „Für uns Ärzte ist die Leichenschau der letzte Dienst am Patienten. Sie hat – wenn auch in der Ausführung naturgemäß wenig freudvoll – berufsethisch eine hohe Bedeutung.“

Ausnahmen für die Inseln im Norden:

Nach wie vor fallen die Regelungen über die Leichenschau in die Gesetzgebungskompetenz der Länder. Bundeseinheitliche Regelungen fehlen bislang und sind nach den gescheiterten Reformbestrebungen der letzten zwei Jahrzehnte auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.

Ausführen darf die Leichenschau nur ein Arzt. Deutschlandweit  einzige Ausnahme: Schleswig-Holsteins Inseln. Dort darf die Leichenschau von „einer anderen geeigneten Person“ (§ 5 Abs. 3 Schleswig-Holsteinische LandesVO) durchgeführt werden.

Die Todesarten sind folgendermaßen definiert:

•Natürlicher Tod: aus krankhafter innerer Ursache.

•Nicht-natürlicher Tod: von außen verursacht, ausgelöst oder beeinflusst.

•Ungeklärte Todesart: Festlegung auf natürlichen oder nicht-natürlichen Tod nicht möglich.

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