Silvester 2017 : Lebensgefährlich und illegal: Die Lust am großen Knall

Vorführung in sicherem Abstand: Oft brennen gerade bei nicht zugelassenen Feuerwerkskörpern die Zündschnüre extrem blitzschnell ab – mit vereerende, ja sogar tödlichen Folgen.
Vorführung in sicherem Abstand: Oft brennen gerade bei nicht zugelassenen Feuerwerkskörpern die Zündschnüre extrem blitzschnell ab – mit verheerenden, ja sogar tödlichen Folgen.

„Das Unrechtsbewusstsein sinkt“ – das Landeskriminalamt in Kiel beobachtet steigenden Trend zu verbotenen Böllern.

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27. Dezember 2017, 14:06 Uhr

Kiel | Zischende Raketen, knisternde Sternenpracht – und dazwischen die Donnerschläge illegaler Böller. Zu Silvester lassen immer mehr Menschen verbotene Feuerwerkskörper explodieren. Im vergangenen Jahr hat die Polizei in Schleswig-Holstein 208 Strafverfahren wegen des Umgangs mit illegaler Pyrotechnik eingleitet. „Seit geraumer Zeit registrieren wir eine steigende Zahl von Delikten“, sagt Uwe Keller, Sprecher des Kieler Landeskriminalamtes.

Das Internet ist voll von Videos, in denen vorwiegend Jugendliche die zerstörerische Sprengkraft von illegalen Böllern demonstrieren. Einen abschreckenden Effekt hat das nicht – im Gegenteil. Uwe Keller: „Das Unrechtsbewusstsein beim Umgang mit illegaler Pyrotechnik sinkt. Vielfach ist den handelnden Personen gar nicht bewusst, dass sie sich strafbar machen.“ Die Ermittlungen des Landeskriminalamts hätten zudem gezeigt, dass sich illegale Pyrotechnik vielfach ohne größere Probleme beschaffen lasse.

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Wie groß die Gefahr ist, zeigt der Tod von Philipp N. (18) aus Quickborn. Der Schüler hatte am frühen Neujahrsmorgen 2015 auf einem Feld bei Alvesloe (Kreis Segeberg) einen „Polenböller“ angezündet, der in seiner Hand explodierte. Ein Stück traf Philipp N. am Kopf, der Notarzt konnte ihn nicht mehr retten.

Was macht die Böller mit Namen wie „La Bomba“ so gefährlich? In Deutschland dürfen Knallkörper nur Schwarzpulver enthalten. Die illegalen Böller sind Blitzknallsätze aus Kaliumperchlorat und Aluminiumpuder oder Kugelbomben aus Ammoniumnitrat. „Sie können die Sprengwirkung einer Handgranate entwickeln“, sagt der LKA-Sprecher. Zudem würden die Zündschnüre oft extrem schnell abbrennen. „Deshalb ist diese Pyrotechnik verboten.“

Im Video: Diese Gefahren lauern an Silvester:

 

Und trotzdem füllt die Lust am großen Knall jedes Jahr die Kassen skrupelloser Geschäftemacher. Und in der Silvesternacht die Notaufnahmen, wo Ärzte geplatzte Trommelfelle, abgerissene Finger, zerfetzte Genitalien, Sehnen und Gefäße – vorwiegend von jungen alkoholisierten Männern – versorgen müssen.

Nach dem Tod von Philipp N. entdeckten Polizisten neben der Leiche eine Plastiktüte mit weiteren illegalen Feuerwerkskörpern. Zwei Verkäufer mussten sich vor Gericht verantworten. Ein Mann (54) aus Klein Nordende (Kreis Pinneberg) hatte fast eine halbe Tonne illegaler „Polenböller“ in seinem Haus gebunkert. „Während der Durchsuchung erschienen immer wieder Käufer an seiner Haustür“, erinnert sich ein Polizist. „Der Angeklagte ist im Juni 2016 zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten Haft verurteilt worden“, sagt Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe. Und vor wenigen Tagen wurde im Zusammenhang mit dem Tod von Philipp N. ein Barmstedter (38) zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Auch er hatte illegale Pyrotechnik in großen Mengen besorgt und an Endkunden verkauft.

CE-Zeichen

An diesem Zeichen und einer Registriernummer sind geprüfte Produkte zu erkennen. In Deutschland geprüftes Feuerwerk trägt die Kennnummer 0589 der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM).

Feuerwerksklasse

Nach der BAM-Nummer folgen die Kategorie-Kennzeichnung F1 oder F2 und eine fortlaufende Nummer. F2-Feuerwerk darf nur an Personen ab 18 Jahren abgegeben werden. F1-Artikel (Knallerbsen oder Tischfeuerwerk) dürfen auch von Kindern ab zwölf Jahren benutzt werden.

 

Produziert wird vorwiegend in China und Italien, dann auf Märkten in Polen verkauft. Daher der Name „Polenböller“. Die Beamten des Hauptzollamtes in Frankfurt (Oder) an der polnischen Grenze beschäftigt der Schmuggel von Feuerwerkskörpern inzwischen mehr als Drogen und Zigaretten. Vor dem Jahreswechsel vergeht kaum ein Tag ohne Zugriff. Auch in Schleswig-Holstein ist der Zoll wachsam. „Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn ein Auto mit einem Kofferraum voller illegaler Böller in einen Unfall verwickelt wird“, sagt Claus-Peter Minkwitz vom Hauptzollamt Kiel. „Deshalb achten wir jetzt bei der Kontrolle des Warenverkehrs verstärkt auf illegales Feuerwerk.“

Und es sind nicht nur die Deutschen, die in Polen die potenziell lebensgefährlichen Böller erwerben. Matthias Menge, Sprecher der Bundespolizei: „Bei unseren Kontrollen an der deutsch-polnischen Grenze haben wir festgestellt, dass sich viele Dänen dort eindecken.“ Der Grund: Seit 2014 herrschen in Dänemark strenge Standards für Pyrotechnik. Nur im Land gekauftes und mit dänischem Prüfzeichen versehenes Feuerwerk ist zugelassen. Und so werden auch dieses Jahr viele Dänen mit einem „La-Bomba“-Karton im Kofferraum durch Schleswig-Holstein zurück in die Heimat reisen.

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